Texte Diakonie - Theologie

 

Diakonie und ‚ihre‘ Kirche

Zu einem derangierten Verhältnis

 

Es ist an der Zeit, das Verhältnis zwischen den protestantischen Kirchen und der Diakonie zu ent-theologisieren.[1] Aufs Ganze gesehen ist dieses Verhältnis viel zu spannungsreich, widersprüchlich und von subtilen Konfrontationen gekennzeichnet, als dass theologische Übermalungen hier noch Gräben zuschütten und ängstlich hochgezogene Mauern durchlöchern könnten. Akademische Theologie, ein bisschen modische Spiritualität und sogenannte christliche Persönlichkeiten können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Realitätsverleugnung, mittelmäßige Denkarbeit und geringe Innovationsbereitschaft an der Tagesordnung sind, und zwar in beiden Systemen. Die evangelischen Kirchen in Deutschland sprechen immer noch und in den letzten zehn Jahren mit zunehmendem Machtanspruch von ‚ihrer Diakonie‘, obwohl schon vor bald vier Jahrzehnten unüberhörbar davon die Rede war, dass die Diakonie als „eines spezifischen Sozialsystems … neben und außerhalb der Kirche“ eine „kirchliche Zweitstruktur“ darstelle (Reinhard K.W. Schmidt)[2]. Seitens der Diakonie rettet man sich bis heute in Formelkompromisse mit praxisfernen Beteuerungen, um einerseits nur nicht die Geschäftsgrundlage mit der verfassten Kirche zu gefährden und andererseits Positionen auf dem mehr oder weniger wertneutral funktionierenden Sozialmarkt behaupten zu können.[3] Im Ergebnis heißt dies alles: Das Verhältnis zwischen evangelischen Kirchen und Diakonie ist in mehrfacher Hinsicht derangiert, wörtlich: veraltet, unordentlich, zerzaust, gestört.[4]

 

1. Fremdelei und mehr: Loyalitätsrichtlinie von 2005

Nicht nur peripher wird das Verhältnis zwischen den evangelischen Kirchen und der Diakonie davon bestimmt, dass hier zwei Systeme nebeneinander stehen, die nach Größe und Gewicht  erhebliche Unterschiede aufweisen: hier das Kirchensystem mit 16.251 Kirchengemeinden und 216.170 Mitarbeitenden, dort das Diakoniesystem mit 27.083 Einrichtungen, 970.018 Betten/Plätzen und 452.592 Mitarbeitenden.[5] Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, rechnet mit „der tendenziell sinkenden und alternden Mitgliedschaft“[6], und dies wird dazu führen, dass die kirchlichen Haushalte auf mittlere Sicht zurückgefahren werden müssen. Bereits jetzt werden Immobilien veräußert, die einstmals lokale oder regionale Bedeutung hatten, weil sie identitätsstiftend waren. Kirchliches Leben befindet sich in einem kontinuierlichen Schrumpfungsprozesss. Die Diakonie dagegen, obwohl sie zur Zeit einen leichten Rückgang ihrer Angebote[7] bei gleichbleibender Zunahme der Mitarbeiterzahlen verzeichnet[8], wird künftig auch – wie bisher – stetig wachsen. Dieses zahlenmäßige Ungleichgewicht zwischen Kirchensystem und Diakoniesystem müsste nun

aber nicht automatisch zu einer Belastung der Beziehungen zwischen ihnen führen, wenn sich beide Systeme in offener, gleichberechtigter Weise begegnen würden, die Krisen und Herausforderungen im jeweils eigenen System nicht aus

blenden und die Unterschiedlichkeit im Management und in der Organisation aushalten und gestalten. Von alledem kann zur Zeit nur geträumt werden. Die augenblickliche Lage lässt sich folgendermaßen beschreiben:

 

Damit fing es nach vielen Jahren, in denen die Kirche ein immer größeres Unbe- hagen über die ständig wachsende Diakonie spürte, an: Als könne man das Rad der Geschichte zurückdrehen, beschloss der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland 2005 die „Richtlinie…über die Anforderungen der privatrechtlichen beruflichen Mitarbeit in der EKD“, seither kurz als Loyalitätsrichtlinie bekannt.[9] Diese kirchenrechtliche Regelung gilt –neben den kirchlichen Mitarbeitenden im engeren Sinne – uneingeschränkt auch denen der Diakonie, in der laut der jüngsten Mitarbeiterstatistik von 2008 lediglich 53% der Mitarbeitenden der evangelischen Kirche angehören. 28,5% sind römisch-katholisch, von denen die Richtlinie sagt, dass sie eingestellt werden „können“, und zwar nach Prüfung „im Einzelfall“. 16,5% der Mitarbeitenden sind in der Diakonie „ohne Glaubensbekenntnis“ tätig, was, da dies eine auf das ungeteilte Deutschland bezogene Größe ist, bedeutet, dass in den östlichen Bundesländern bis zu 60% keiner Kirche angehören.

Die Loyalitätsrichtlinie von 2005 nimmt diese Gegebenheiten, die sich künftig noch deutlicher ausprägen werden, nicht ernst, sie belegt damit, wie sehr das Verhältnis der Kirche zur Diakonie von einer nachhaltigen Fremdelei bestimmt ist. Weltfremd ist es allemal, wenn die in der Richtlinie in §4 genannten Anforderungen für Loyalität im Personalmanagement der Diakonie beachtet werden müssen: evangelische Mitarbeitende sollen „Schrift und Bekenntnis anerkennen“, andere christliche Mitarbeitende, etwa römisch-katholische, sollen „Schrift und Bekenntnis achten und für die christliche Prägung ihrer Einrichtung eintreten“, nichtchristliche Mitarbeitende „haben den kirchlichen Auftrag zu beachten und die ihnen übertragenen Aufgaben im Sinne der Kirche zu erfüllen“. Die Gefahr einer willkürlicher Anwendung dieser gestaffelten Anforderungskriterien zeigt sich dann auch in den Haltungsbeschreibungen ‚anerkennen‘, ‚eintreten‘ und ‚beachten‘, die gleichsam unterschiedliche konfessorische Akte bezeichnen, die sich personalwirtschaftlich kaum berücksichtigen lassen. Die in §5 der Richtlinie bei Verstoß gegen diese Anforderungen in Aussicht gestellte Einzelfallprüfung bedeutet für Mitarbeitende eine grundsätzliche Unsicherheit.

Insgesamt ist die Loyalitätsrichtlinie der untaugliche Versuch, Anforderungen an Haltung und Gesinnung von Mitarbeitenden in der Kirche wie in der Diakonie mit rechtlichen Mitteln durchzusetzen. Eine Verrechtlichung in diesem Sinne schadet der Kirche hinsichtlich ihrer Menschenfreundlichkeit und nützt der Diakonie in keiner Weise, sondern verleitet zu Heuchelei. In bevormundend-herrschaftlicher Attitüde werden die Leistung und das Engagement von mehr als 450Tsd. Mitarbeitenden in der Diakonie kirchlich vereinnahmt.

 

2. Fehlende Wertschätzung der Menschen: Impulspapier ‚Kirche der Freiheit‘ von 2006

 

Mit dem Impulspapier „Kirche der Freiheit“, das die EKD 2006 unter dem Ratsvorsitzenden Bischof Dr. Wolfgang Huber zum Auftakt eines als mehrjährig angelegten Reformprozesses veröffentlichte[10], zeigte sich nun aber mehr als nur Fremdelei. Die Kirche gibt mit einer deutlichen Ansage die Richtung der Veränderungen in einer kleiner werdenden Kirche an und begegnet in diesem Zusammenhang im sogenannten „8. Leuchtfeuer“  ‚ihrer‘ Diakonie mit einem Machtanspruch im Sinne ihrer Ein- und Unterordnung.

 

Die Anamnese des aktuellen Zustands der Diakonie fällt widersprüchlich aus und ist von Mißtrauen geprägt. Das Kirchenpapier beklagt die Abhängigkeit der Diakonie von politischen Entscheidungen und sieht sie auf der Basis des Subsidiaritätsprinzips mitverantwortlich für die Gestaltung des Sozialstaates – insgesamt komme dabei aber die biblische Orientierung der Diakonie zu kurz. Zwei besonderen Gefährdungen ist die Diakonie, die als anwaltliche Funktion zu verstehen sei, aus kirchlicher Sicht ausgesetzt: zum einen fehle im diakonischen Handeln heutzutage ein „Hinweis auf die Motivation“, weshalb Diakonie „stärker als bisher mit katechetischen Elementen verbunden werden“ müsse; zum anderen schwäche „die Unternehmensorientierung“  die „Anwaltschaft für Bedrückte und Bedrängte“ und die „Orientierung an den Ärmsten der Armen“.

 

Der Diakonie wird hier eine Rolle als Anwalt zugeschrieben, die im vielfältigen Alltag der Handlungsvollzüge in ihren Diensten und Unternehmungen die Frage provoziert, wer hier einen Anwalt zum Helfen mandatierte. Zugleich klingen damit auch sozialromantische Vorstellungen von den „Ärmsten der Armen“ an, denen sich die meisten Nutzer der täglichen Dienstleistungen der Diakonie wohl kaum zurechnen wollen.[11] Die Kritik an der Unternehmensorientierung in der Diakonie weist darüber hinaus darauf hin, wie sehr die Kirchenorganisation, die zugleich konsistorial-verwaltungsmäßig und basisdemokratisch funktioniert, kaum vereinbar ist mit einem unternehmerischen Handeln auf der Grundlage eines regelrechten Managements, wie es sich seit zwei Jahrzehnten in der Diakonie als notwendig und nützlich durchzusetzen begonnen hat.[12]

Die Ziele für die Diakonie auf das Jahr 2030 hin formuliert die ‚Kirche der Freiheit‘ so, dass sie dann „in einer definierten Kooperations- bzw. Partnerschaftsbeziehung zu den Kirchengemeinden bzw. Kirchenbezirken“ stehen werde, dass man um “nichtchristliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“ für eine „bewusste Zuwendung zum Glauben“ werben werde und dass die „Abhängigkeit von staatlichen Zuschüssen bzw. Leistungsentgelten… durch eine verstärkte Eigenfinanzierung“ gemildert werde.

Es ist erstaunlich, dass man aus der älteren und jüngeren Systemgeschichte der Diakonie nicht zu realistischen Einsichten und Zielbestimmungen kommt. Das Thema Gemeindenähe der Inneren Mission und der nach 1945 nachfolgenden Diakonieorganisationen konnte seit dem 19. Jahrhundert bis heute nie jemals realistisch geklärt werden. Außerdem wird vergessen, dass die Kirchen seit den 70iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Abwanderung vieler kleiner und größerer Dienste der Diakonie bis hin zu großen Krankenhäusern aus der Verantwortung der Kirchengemeinden aktiv betrieben haben, weil sie mit den notwendigen Managementaufgaben überfordert waren und es in Zukunft noch mehr sein werden. Eine Rückabwicklung einer Diakonie, die unterdessen Teil des sozialmarktlich verfassten Wohlfahrtssystems in Deutschland geworden ist, hin bzw. zurück zu einer gemeindlich angebundenen und kirchlich an die kurze Leine genommenen Diakonie ist nichts als ein wenig inspirierender Traum, ganz zu schweigen von den missions- und finanzierungsstrategischen Vorstellungen im Impulspapier „Kirche der Freiheit“.

Schließlich wirft dieses Papier die Frage, wie es mit dem Anspruch steht, als Kirche „nahe bei den Menschen“ zu sein, wenn dies primär die rund 900.000 Menschen betrifft, die wöchentlich an den Gottesdiensten teilnehmen, während die Dienste und Unternehmen der Diakonie täglich rund eine Million Menschen begleiten und bedienen und dabei eben ‚nur‘ die „in der Welt“ handelnde säkular gewordene Tochter der Kirche sind, von der sie, wenn es um Seelsorge geht, schlecht ausgestattet sind. Es mangelt an einer generellen, zugleich kritischen und nüchtern anerkennenden Wertschätzung der Diakonie seitens der Kirchen, die ihren Nutzern  wie auch den Mitarbeitenden dienen würde.

3. Machtphantasien: Zuordnungsrichtlinie von 2007

Kirche lässt nicht ab von dem Versuch, die erwachsen gewordene Tochter Diakonie heimzuholen. Mit der Richtlinie „über die Zuordnung diakonischer Einrichtungen zur Kirche“ von 2007, bekannt als „Zuordnungsrichtlinie“, geht der Rat der EKD noch einen Schritt weiter und schreibt mitgliedschaftsrechtliche Kriterien fest, die für die Diakone ihre „kontinuierliche Verbindung zur Kirche“ regeln.[13] Bezüglich der  Grundlagen dieser Verbindung geht die Richtlinie davon aus[14], dass sich die Erfüllung des kirchlichen Auftrags, den die Diakonie hat, „in der Dienstgemeinschaft aller Mitarbeitenden in beruflicher und ehrenamtlicher Tätigkeit“ vollzieht (§2). Im Begriff der Dienstgemeinschaft[15] wird eine Rechtsfigur dogmatisch verdichtet, die die gesamte Tätigkeit der Kirche sowie der Diakonie auf dem Feld des kollektiven Arbeitsrechts zu einem Rechtsraum sui generis macht. Grundlage für diese Sonderstellung ist das grundgesetzlich garantierte sog. Selbstbestimmungsrecht der Kirchen in Art. 140 GG i.V.m. Art. 137 WRV. Prinzipiell könnte dieses Selbstbestimmungsrecht die Möglichkeit einschließen, für die Arbeitsrechtsregelung in Diakonie und Kirche das kollektive Arbeitsrecht anzuwenden, wie es allgemein außerhalb des Sonderbereichs der Kirchen gilt. Die Rechtsfigur der Dienstgemeinschaft dient nun aber zur Begründung dafür, dass eben dies seitens der Kirchen in gar keiner Weise gewollt ist. Vielmehr soll im Kirchenbereich einschließlich der Diakonie ein als ‚Dritter Weg‘ bezeichnetes eigenes Arbeitsrecht gelten, das Streik und Aussperrung ausschließt und ein kircheninternes Schlichtungsverfahren für den Konfliktfall in tariflichen Auseinandersetzungen vorsieht. Ein Urteil des Bundesarbeitsgerichts aus jüngster Zeit hat diesen ‚Dritten Weg‘ noch einmal bestätigt als ein „am Leitbild der Dienstgemeinschaft ausgerichtetes Arbeitsrechtsregelungsverfahren“.[16]

Die Zuordnungsrichtlinie von 2007 beschreibt vor diesem Hintergrund in §4 Voraussetzungen für die Zuordnung der Diakonie zur Kirche. Sie haben den Charakter eines Pflichtenheftes, in dem die Realität des Handlungsalltags in der Diakonie aus größtmöglicher Distanz in den Blick genommen wird. Personelle Verflechtungen, Leitbilder, kirchlich-geistliche Räume und Angebote sowie kontrollierende Eingriffe sollen die kirchliche Zuordnung der Diakonie gewährleisten. Vielleicht ist die Haltung, die Kirchenjuristen und kirchenleitende Theologen zur Erarbeitung der Zuordnungsrichtlinie getrieben hat, zu verstehen als eine Mischung aus Angst vor eigenem Bedeutungsverlust und Misstrauen gegenüber der notwendiger Weise immer selbständiger agierenden Diakonie. Da können sehr schnell Phantasien von unangemessener Machtausübung entstehen.

An der Rechtsfigur der Dienstgemeinschaft fällt besonders deutlich auf, wie inhaltsleer die theologische, um nicht zu sagen: die ideologische Grundlage des kirchenspezifischen Arbeitsrechts ist. Eine fundierte, praxisrelevante theologische Darstellung des Dienstgemeinschaftsgedankens fehlt bis heute.[17] Es reicht nicht, wenn Nikolaus Schneider, der Ratsvorsitzende der EKD, die „unaufgebbare theologische Qualität“ des Begriffs Dienstgemeinschaft betont und ausführt: „ Wir arbeiten gemeinsam im und für den Auftrag unseres Herrn Jesus Christus.“[18] Es reicht nicht, weil hier mit einer theologischen Formel eine arbeitsrechtliche Sonderwelt begründet werden soll, die angeblich ausgezeichnet sei durch ein besonders hohes Maß an Gemeinschaftlichkeit und Gemeinsamkeit, insbesondere auch deshalb nicht, weil eine kirchenspezifische Brüderlichkeitstrhetorik immer wieder Widersprüche und Konflikte zudeckt, wo harte Auseinandersetzung und nüchterne Klärung notwendig wäre. Welch eine Illusion diese Dienstgemeinschaft! Anspruch und Wirklichkeit klaffen hier eklatant auseinander. Der Beliebigkeit in der Interpretation des Dienstgemeinschaftsgedankens sind Tor und Tür geöffnet.

 

Neben der theologischen Dürftigkeit im Begriff der Dienstgemeinschaft befördert dieses Ordnungsmodell mit seiner forcierten Betonung des ‚Wir-sind-doch-letztlich-alle-gleich‘ nicht zuletzt auch noch eine latente Führungsschwäche in Unternehmen und Diensten der Diakonie, es verschleiert Verantwortlichkeitsgegebenheiten und kann damit die Verfolgung unternehmerischer Ziele im Rahmen eines soliden Managements und auf der Basis allgemein gültiger Normen und Spielregeln blockieren. Die Zuordnungsrichtlinie muss als der Versuch der Kirche angesehen werden, mit Macht eine zeitgemäße und zukunftsbezogene Weiterentwicklung der Diakonie zu behindern.

 

4. Gegen die Regelverletzer

 

Die gegenwärtige Situation lässt nun die praktischen Konsequenzen erkennen, die sich aus den kirchlichen Aktionen zur Anleinung der Diakonie seit 2005 zwangsläufig ergeben. In mehrfacher Hinsicht hat die Diakonie in ihren Diensten und Unternehmen in den vergangenen 20 Jahren tiefgreifende Veränderungsprozesse erlebt, die sich mit den Stichworten Wachstum, Modernisierung und Wettbewerb verbinden. Ein Markt sozialer Dienstleistungen hat in dieser Zeit seine Ausprägung mit einer großen Tiefenwirkung erfahren, auf dem die Diakonie sich bisher recht gut zu behaupten gewusst hat. Die Anforderungen an das Management haben sich grundlegend geändert, sowohl hinsichtlich der ökonomischen Steuerung der Dienste als auch bezüglich der Personalwirtschaft sowie des Umgangs mit den vielfältigen Anspruchsgruppen, denen Diakonie zu dienen beabsichtigt. Diese Veränderungen, die von vielen Mitarbeitenden und Führungskräften in der Diakonie bis heute tatkräftig gestaltet werden, finden in der Richtlinien-und Verlautbarungspolitik der EKD keine oder nur eine ungenügende Berücksichtigung. Die Diakonie hat sich – mit Versuch und Irrtum, mit Krisen und Erfolgen – eigenständig halten und positionieren müssen.[19]

 

Was kann die Diakonie nun von einer evangelischen Kirche, die vereinnahmend gerne von ‚ihrer Diakonie‘ spricht, von dieser ‚ihrer‘ Kirche erwarten? In seinem programmatischen Eichstätter Vortrag zum kirchlichen Arbeitsrecht hat der Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider 2012 unmissverständlich davon gesprochen, dass Abweichungen vom Dritten Weg als dem unaufgebbaren kirchlichen Arbeitsrechtsregelungsverfahren „mit Nachdruck sanktioniert und unterbunden werden“.[20] Die kirchentreue Begehung des ‚Dritten Weges‘ wird zum entscheidenden Kriterium dafür, dass die Diakonie der Kirche gehört. Wer hier ausschert, muss sich im ersten Schritt „Beratung und Begleitung“ gefallen lassen, dann folgt eine „Ermahnung“, und wenn die daran sich anschließende „Abmahnung“ nicht hilft, droht der „Verbandsausschluß“. Wenn am vorläufig letzten Punkt des Versuchs einer Verhältnisbestimmung von Diakonie und evangelischer Kirche die Androhung des Entzugs der kirchlichen Lizenz steht, so kommt darin in beredter Weise ein derangiertes Verhältnis zum Ausdruck.

 

5. Die religiöse Dimension

So sehr das Verhältnis Diakonie-Kirche auch grundsätzlich belastet ist und eher noch ein weiteres Auseinanderdriften der beiden Systeme zu drohen scheint, so wenig ist hier die religiöse Dimension auszublenden, wenn es um die mangelnde Kompatibilität zwischen kirchenorganisatorisch begründeten religiösen Ansprüchen an die Diakonie und der Handlungsrealität dieser Diakonie geht, die sich eben nicht in einer binnenkirchlich reduzierten, sondern in einer allgemeinen religiös-kulturellen gesellschaftlichen Situation vorfindet. Wenn die Kirchen-Religion sich nicht vorbehaltlos der Kultur-Religion, die die Diakonie in ihrer Gesamtheit als ein Ergebnis der Vergesellschaftung des Christentums formatiert, öffnet, wird die Kirche bald nicht mehr von ‚ihrer Diakonie‘ reden können, weil sie deren Einwanderung in die Rechts- und Sozialkultur unserer Gesellschaft tendenziell nur noich kritisch sieht, lediglich an kirchlichen Mitgliedschaftspflichten festhält, Zuordnungszwänge durchsetzen will, von machtvoller Einflussnahme träumt. Eine Kirche, die den Menschen in der Diakonie in dieser Weise amtlich begegnet, verspielt Ansehen und Glaubwürdigkeit, verliert die gelebte Verbindung mit der Diakonie.  

Menschen, die in den Diensten und Unternehmen der Diakonie tätig sind, sehnen sich kaum nach einem Mehr an Kirchlichkeit oder Konfessionalität, sie sind an einer professionell guten, menschlich zugewandten und auskömmlich dotierten Tätigkeit interessiert und schöpfen dabei aus unterschiedlichen Sinnressourcen. Das hat schon seit langem zu einer multireligiösen, multikirchlichen und agnostisch durchsetzten Vermischung in den Mitarbeiterschaften der Dienste und Unternehmen der Diakonie geführt, und diese Vermischung wird obendrein noch durch ein fast unübersehbares Geflecht multiprofessioneller Selbstverständisse und Berufsethiken überlagert. Religiöse Eindeutigkeit, etwa als eine mehr oder weniger geschlossene Organisationskultur oder als ein typisches Anforderungsprofil an Mitarbeitende der Diakonie, das diese von Mitarbeitenden in nichtkirchlichen Sozialunternehmen unterscheidet, ist nicht möglich, geht an der Realität vorbei.

Wie sehr der Versuch, unter heutigen Bedingungen an einer religiösen, des Näheren: an einer kirchlichen Eindeutigkeit festzuhalten, einem verzweifelten Bemühen gleichkommt, zeigt die Lektüre von Zeitungsanzeigen, in denen Fachkräfte für die Mitarbeit in der Diakonie gesucht werden. Selten ist explizit von ‚evangelischen‘ Bewerbern die Rede, meistens wird die Mitgliedschaft in einer ‚christlichen Kirche‘ ‚gewünscht‘ oder vorausgesetzt‘, und dies mit dem Hinweis auf das kryptische Kürzel ‚ACK‘. Als dem ‚diakonischen Auftrag verbunden, stellen Arbeitgeber sich dar, sie ‚erwarten‘ das ‚Mittragen des diakonischen Auftrags‘, die ‚Identifikation mit unserem christlichen Profil‘, mehr noch: die ‚hohe Identifikation mit der evangelischen Kirche und Zugehörigkeit zu einer christlichen Kirche (ACK)‘. Was diese Anforderungen an die Mitarbeit in Diensten und Unternehmen unter dem Kronenkreuz bedeuten , bleibt im Ungefähren, ist formelhaft erstarrt und - was Unsicherheit und Beklemmung versursacht – leistet der Beliebigkeit in der Mitarbeiterbeurteilung Vorschub. Vor allem aber wird damit der Bezug zu dem, was heute Religion ist und sein kann, aufgegeben.[21]

 

Es führt kein Weg an dieser Einsicht vorbei: Kirchlich gebundene Religion nimmt kontinuierlich ab und reicht immer weniger in den Handlungsalltag der Diakonie hinein. Dieser Prozess ist wohl kaum durch Strategien der Missionierung und Evangelisierung aufzuhalten. Das große kirchliche und außerkirchliche Spektrum des Religiösen ist unübersehbar, die Landkarte alter und neuer Religionen grenzunscharf geworden. Die Diakonie kann längst nicht mehr von ‚ihrer‘, das heißt: der evangelischen Kirche als einem Religionslieferanten eine Eindeutigkeit erwarten, die ihrer religiös-kulturellen Vielfalt entspricht. Diese Vielfalt stellt sich dar, so könnte man sagen, in einer lebensdienlichen, weltlichen, alltäglichen Religion, die von den einzelnen Handelnden am jeweiligen Aktionsort gelebt und konsensual mit anderen geteilt wird. Also: Freiheit als Angebot und Chance eines individuellen Lebensweges, Selbstbestimmung als Recht und Grenzziehung zu andere und die  Verantwortung für ein rechtlich ausbalanciertes Gemeinwohl.

 

Damit wird ein Weg beschrieben, der weit über eine kirchlich gebundene Religion hinausführt, durchaus in Anknüpfung an ein Religionsverständnis im protestantischen Sinne als einer individuell gelebten Gewissensreligion, die Freiheit von kirchlicher und staatlicher Bevormundung eröffnet. Versucht man, das Religiöse in der Diakonie aussprechbar zu machen, so könnte es sich um diese Haltung handeln: Respekt zu haben, das heißt: derart in Beziehung zum Menschen zu sein, dass dessen ‚innere Welt‘, sei sie erfüllt von spezifischer Frömmigkeit, Zweifeln, transzendierender Zuversicht, Ablehnung des Religiösen oder Ähnlichem, unbetretbar ist und bleibt.  Den Einzelnen Einzelnen sein lassen – in seiner individuellen, unverwechselbaren Haltung, die zwar wechseln kann, ihn in seiner spezifischen Gemütsausstattung und Biographie annehmen. Die Verborgenheit des Religiösen, das, was sich an der Grenze dessen, was in Worte zu fassen ist, abspielt, bedingungslos anerkennen, sich seiner nicht bemächtigen.

 

6. Weltgestaltung versus Sonderweltgestaltung

 

Die Aktionen der Evangelischen Kirche in Deutschland mit dem Ziel einer stärkeren An- und Einbindung der Diakonie während der vergangenen rund zehn Jahre haben für das Selbstverständnis und den Handlungsalltag der Diakonie keine durchgreifende Wirkung gezeigt. Die Religions- und Frömmigkeitslandschaft, in ihrer Vielfalt, Widersprüchlichkeit und jeweiligen modischen Ausformung vertreten und gelebt in den Mitarbeiterschaften der Diakonie, lässt sich kaum noch mit kirchenrechtlichen Interventionen beeinflussen. Die religiöse Großwetterlage erlaubt es der evangelischen Kirche in Deutschland nicht mehr, in der Diakonie eine einheitliche, eindeutige religiöse Organisationskultur durchzusetzen. Diakonie ist weithin ein sozialer Dienstleister wie andere geworden, sie trägt mit ihren Angeboten, ihren Hilfen und sozialpolitischen Initiativen wesentlich bei zur praktischen Ausgestaltung des sozialen Rechtsstaats und sie hat dadurch Teil daran, dass christliche Lebens- und Wertvorstellungen in die ethischen Grundlagen der allgemeinen Wohlfahrtswesen eingewandert sind und damit undeutlich geworden, zugleich aber auch in konstruktiver Weise aufgehoben sind.

 

Die evangelische Kirche könnte diese Entwicklung von einem ehedem eher noch deutlicher christlich bzw. evangelisch identifizierten Hilfeethos hin zu einem säkularen Sozialethos mit Genugtuung und mit Stolz begrüßen, denn kommt nicht durch diese Entwicklung, die stets als Säkularisierung schlecht geredet wird, allen Bürgern, nicht nur den eigenen Konfessionsgenossen, den Kirchenchristen und christlich gesonnenen Menschen, der wertvolle Ertrag der Christentumsgeschichte zugute?

 

Die Tendenzen in Diakonie und Kirche in den letzten ein bis zwei Jahrzehnten weisen indes in eine andere Richtung. Insbesondere im Kirchensystem ist man angesichts rückläufiger Mitgliederzahlen und sich entleerender Kirchenreligion bei leicht depressiver Grundstimmung mit Rückzugsszenarien beschäftigt. Das kollektive Arbeitsrecht der Kirche soll nun retten, was noch zu retten ist, indem, und dies macht sich besonders in der Diakonie bemerkbar, deren Mitarbeitende einerseits die ‚anderen‘, die prägnant kirchlich-religiös motivierten und gebildeten sozialen Fachkräfte sein sollen, denen aber zugleich allgemeine Rechte vorenthalten werden – nämlich Arbeitskampf und Streik - , die zur Grundausstattung einer streitbaren Demokratie gehören. Hier verfolgt die Kirche und mit ihr im Schlepptau die Diakonie in höchst widersprüchlicher Weise den Weg hin zu einer kirchlich-religiösen Sonderwelt. Man signalisiert Abgrenzung zur ‚Welt‘ im Allgemeinen, setzt auf Unterscheidung, Anders-Sein und will doch anerkannt und geschätzt und ‚dabei sein‘.

Eine Abgrenzung, eine solche sonderweltliche Absonderung ist nicht gut vereinbar mit einer Rechtskultur, in der Kirchen, Religionsgesellschaften unterschiedlicher Prägung ebenso wie die Diakonie in ihrer ganzen Vielfalt organisatorische Größen ausnahmslos innerhalb des Rechtsstaates sind. Sie führen kein inselhaftes Dasein, sind keine Gegenwelt im Gegenüber zum Rechtsstaat. Die Diakonie und ‚ihre‘ Kirche haben, was für die Präsenz von Religion und ihrer Ausübung in dieser staatlichen Ordnung von grundlegender Bedeutung ist, die Trennung von privat und öffentlich, die ein fundamentales Freiheitspostulat zum Ausdruck bringt, uneingeschränkt anzuerkennen. Dass dies der Kirche schwer fällt, ist ein Hinweis darauf, dass hier, wenn es konkret die ‚eigene‘ Welt des kollektiven Arbeitsrecht der Kirche betrifft, ein ungelöster Grundkonflikt besteht. Zu Recht hat das Bundesverwaltungsgericht  Ende vergangenen Jahres auf die Kollision von kirchlichem Selbstbestimmungsrecht und gewerkschaftlichem Koalitionsbetätigungsrecht hingewiesen und damit anders als die Kirchen, die dieses Urteil als eine höchstrichterliche Bestätigung des sogenannten Dritten Weges begrüßt hatten, indirekt einen viel grundsätzlicheren Klärungsbedarf im Verhältnis zwischen der Kirche (und ‚ihrer‘ Diakonie!) und dem Staat angedeutet haben.

Die grundsätzliche Frage, die sich die Kirche stellen muss, lautet: Ist die Kirche in ihrem Selbstverständnis ernsthaft gefährdet, wenn die Gewerkschaften ihre grundgesetzlich garantierten Rechte in vollem Umfang auch im Raum der Kirche wahrnehmen?[22] Das Brüderlichkeitsethos, die besondere Gemeinschaft und Verbundenheit aller in Kirche und Diakonie Tätigen, die immer wieder beschworen wird und mit dem Begriff der Dienstgemeinschaft idealisiert wird, ist doch eine Fiktion, taugt allemal nicht dazu, eine überzeugende Alternative zum konfliktbereinigenden Verfahren des Arbeitskampfes unter Führung der Gewerkschaften zu sein.

Auch in der Diakonie war und ist ein vielfältiges Bemühen zu beobachten, sich abzugrenzen, den Eindruck zu erwecken, als sei ihr dienendes, assistierendes Handeln von einer anderen Qualität. Mit großem Aufwand an Zeit und Geld sucht man nach dem Proprium der Diakonie. Was macht eine wohlfahrtsstaatlich eingebundene Diakonie zu mehr als einer weltlichen Sozialtätigkeit? Abstrakte, umfängliche Leitbilder werden in anspruchsvollen Prozessen erarbeitet, möglichst unter Beteiligung aller Mitarbeitenden. Warum nur dieser häufig von theologisch qualifizierten Leitungspersonen mit (Nach-) Druck vorgetragene Wunsch nach Unterscheidung, diese Angst davor, nicht mehr wahrgenommen zu werden, nichts Besonderes mehr darzustellen? Ist es nicht anspruchsvoll genug, professionell und menschlich gute Dienste anzubieten, auf wechselnde Bedarfe, Notwendigkeiten und individuelle Nöte  mit wirtschaftlich machbaren und effektiv organisierten Angeboten zu antworten? Ist es nicht der bemerkenswerte Ausdruck eines in sich wertvollen Handelns, den Hilfe suchenden und bedürfenden Menschen zu dienen – was  ist Diakonie, wörtlich gesprochen, anderes! -, eines Handelns, das fair entlohnt zu werden verdient und nicht noch einer zusätzlichen Begründung, einer missionarisch-katechetischen Komponente bedarf? Reicht es nicht, die Dienste und Unternehmen in der Diakonie so gut und so zeitgemäß wie irgend möglich zu organisieren, ein solides Management[23] zu praktizieren und dafür zu sorgen, dass eine kompetente, kritische wie auch fördernde Aufsichtsführung Irrwege und Missbrauch zu verhindern hilft? All dies läuft nicht zuerst auf Unterscheidung, auf das behauptete Anders-Sein der Diakonie hinaus, sondern auf die Qualität ihres Dienstes. Diakonie, das ist Weltgestaltung, nicht Sonderweltgestaltung.   

Wie geht es in Zukunft mit der Diakonie im Verhältnis zu ‚ihrer‘ Kirche weiter?

Die evangelische Kirche wird ihr Verhältnis zu der wachsenden Diakonie auf eine neue Grundlage stellen müssen, ein regelrechter Stilwandel ist notwendig, weg von theologisch-kirchlicher Bevormundung und Machtausübung, hin zu einem Verhältnis auf Augenhöhe. Das würde einschließen, nicht davon auszugehen, dass die arbeitsrechtliche, staatskirchenrechtliche und steuerrechtliche Sonderstellung der Diakonie zusammen mit ‚ihrer’ Kirche für alle Zeiten garantiert sein wird. Das Luther-Jubiläum 2017 könnte Ziel- und Ausgangspunkt für eine Erneuerung des Verhältnisses zwischen Diakonie und Kirche sein.

Die Diakonie ist immer mehr von einem sich differenzierenden Sozial- und Dienstleistungsmarkt bestimmt, auf dem sie sich im Wettbewerb behaupten muss, ein professionelles Management einzusetzen gezwungen ist, sich insgesamt unternehmerisch verstehen und verhalten muss. Zu dieser Entwicklung in der Diakonie sollte sich die Kirche nicht länger kritisch-distanziert verhalten etwa durch Warnrufe vor einer ‚Ökonomisierung‘, sondern sie verstehen, bejahen und den Prozess der Modernisierung diakonischer Dienste unterstützen.

 

Die Kirche wird ein positives Verhältnis dazu gewinnen müssen, dass die Diakonie in ihrer sozialstaatlichen Einbindung selber verantwortlich ist für das, was man ihre religiöse Signatur nennen kann. Die Diakonie kann diese Verantwortung nur wahrnehmen im Einvernehmen mit den Mitarbeitenden, wie immer sie – zweifelnd oder glaubend – zu Kirche, Frömmigkeit und Religion stehen. Sie sollte damit rechnen können, dass sie hier partnerschaftliche Assistenz von der Kirche erfährt. Eine solche wissenschaftlich zu leistende Assistenz wäre auch von der akademischen Theologie zu erwarten.

 

Die Kirche wird sich selbstkritisch fragen müssen, wo und in welcher Ausgewogenheit sie – wie vielfältig von ihr proklamiert wird - den Menschen heute nahe sein will: hier die zurückgehende Beteiligung der Menschen in den Kirchengemeinden, dort die  zunehmende Zahl der Menschen, die ihren Dienst in der Diakonie tun oder diesen Dienst in Anspruch nehmen.

 

Prof.Dr. Johannes Degen

Münsterplatz 7  88662 Überlingen

johannes.degen@web.de

www.prof-dr-johannes-degen.de

Kassel, 1.März 2013

 

[1] Hier ist nur von der Situation in Deutschland die Rede, obwohl die europäische Politik die Wohlfahrtstätigkeit in den Mitgliedsstaaten immer wieder und mehr und mehr in den Blick nimmt und damit auch die deutsche Wohlfahrtsszene beeinflusst. Darüber hinaus gibt es im Verhältnis von Kirche und Staat in Deutschland Besonderheiten, die die kirchengebundene Wohlfahrtsarbeit der Diakonie in singulärer, mit der Situation in anderen EU-Staaten nicht vergleichbaren Weise formatieren. Die katholische Caritas in Deutschland kann hier ebenfalls nicht in den Blick genommen werden, da hier andere als im protestantischen Lager typische Kirchen- und Staatsverständnisse vorliegen.

[2] Reinhard K.W. Schmidt, Zur Konstruktion von Sozialität durch Diakonie. Eine Untersuchung zur Systemgeschichte des Diakonischen Werkes. Frankfurt am Main, München 1976.

[3] Als aktuelles Beispiel für dieses ‚Hinken auf beiden Beinen‘: Uwe Becker (Hrsg.), Perspektiven der Diakonie im gesellschaftlichen Wandel. Eine Expertise im Auftrag der Diakonischen Konferenz des Diakonischen Werks der Evangelischen Kirche in Deutschland. Neukirchen-Vluyn 2011.

[4] Siehe Duden Fremdwörterbuch, s.v. derangiert. Mannheim 2005, 210.

[5]Kirchenzahlen von 2008 (Quelle: www.ekd.de ), Diakoniezahlen von 2010 (Quelle: www.diakonie.de).

[6] Nikolaus Schneider, „Faire Arbeitsbedingungen durch den Dritten Weg – Aktuelle Anforderungen an das kirchliche Arbeitsrecht“. Vortrag am 5.März 2012 auf der 15.Fachtagung zum Kirchlichen Arbeitsrecht, Katholische Universität Eichstätt (Quelle: ekd.de). Bereits 2006, im Impulspapier des Rates der EKD „Kirche der Freiheit. Perspektiven für die Evangelische Kirche im 21.Jahrhundert“, maßgeblich vom Ratsvorsitzenden Bischof Dr. Wolfgang Huber initiiert, ging man davon aus, das sich die Zahl der Kirchenmitglieder bis 2030 um rund ein Drittel verringern werde, von 26,2 Mio. 2002 auf 17,6 Mio. 2030.

[7] Einen erheblichen Anteil haben die evangelischen Krankenhäuser. 2011 gab es noch etwas mehr als 200 Häuser, nachdem im Zeitraum 1999 – 2011 bereits 30 Häuser an andere Träger abgegeben wurden und 7 Schließungen notwendig waren. Zur Zeit wird zielgerichtet auf ‚evangelische‘ Verbundsysteme hingearbeitet.

[8] siehe Statistik DW (Quelle: www.diakonie.de).

[9] Quelle: www.ekd.de, sub voce Loyalitätsrrichtlinie.

[10] Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) (Hrsg.), Kirche der Freiheit. Perspektiven für die Evangelische im 21.Jahrhundert. Hannover 2006. Alle Zitate im folgenden 82f.

[11] Die pauschalisierende Rede von den „Ärmsten der Armen“ als den Nutzern, den Klienten, den Kunden der Diakonie macht aus punktuell und spezifisch bedürftigen Menschen eine große Armutsklasse, ohne dass deutlich wird, wo Armut in einem pauperistischen Sinn tatsächlich herrscht. 

[12] Eigenes unternehmerisches Handeln fällt der Kirche schwer, wie der sog. bbz-Skandal in der Evangelischen Kirche im Rheinland zeigt, der im Januar 2013 auf der rheinischen Landessynode Thema war und über den die Süddeutsche Zeitung am 9.Januar 2013 berichtete: Das Beihilfe- und Bezügezentrum (bbz GmbH) in Bad Dürkheim war „durch jahrelange Verluste und mutmaßlichen Betrug in Finanznöte geraten“. „Die Staatsanwaltschaft wurde 2011 eingeschaltet . Gegen die früheren Steuerprüfer und die einstigen Geschäftsführer wird ermittelt.“ Die Beteiligung der Kirche an wirtschaftlichen Unternehmen soll „überprüft“ werden. „Mitglieder in Vorständen, Aufsichtsgremien und Vereinen sollen besser qualifiziert werden.“ Das Finanzdezernat im LKA in Düsseldorf soll, so wird erwogen, gestärkt werden. Über eine Änderung der Kirchenordnung, „die das Verhältnis der Leitungsorgane neu justieren könnte“, soll „nachgedacht“ werden.

Den Kirchen ist das Unternehmertum, das Unternehmerische fremd bis suspekt. Hier wirkt sich die Brüderlichkeitsphraseologie aus und das Selbstverständnis, ‚im Gegenüber zur Welt‘ kirchlicherseits eine eigene, womöglich bessere Welt darzustellen. Das Unterscheidungspathos, die Propriumssucht! - Der Kapital- und Immoblienbesitz der Kirchen ist ein Gut, das nur nach den besten Grundsätzen ‚der Welt‘ zu erhalten und zu mehren ist. - Leitung als haftungsbeschriebene Führungs- und Managementverantwortung wird zugunsten eines Gleichheitsmodells klein geschrieben. Die Wahrnehmung von Leitung/Führung gilt in den (protestantischen) Kirchen nicht als erstrebenswert. - Ein Verständnis dafür, was Aufsicht beinhaltet, ist weithin bei den Kirchen nicht vorhanden. Das zeigt sich unter anderem in der Handhabung der kirchlichen Stiftungsaufsicht als einer Funktion im Auftrag des Staates. - Besonders im Verhältnis der Kirchen zur Diakonie: die ‚Vertreter‘ der Kirche als Mitglieder in Aufsichtsorganen der Diakonie: sie sind die Bremser, Spezialisten ideologischer Randbemerkungen, und wenn es ernst wird (Personalien, Entlastungen), ducken sie sich weg oder äußern endlos ihre Bedenken.  - Ein Mehr an Verwaltung und die Verlagerung fälliger Entscheidungen in Struktur-, Projekt- und Planungsausschüsse ist das Gegenteil von dem, was not tut:  persönliche Verantwortungsübernahme, fundiertes Management-know-How, solides Wirtschaftsgebaren und systematische Rechenschaftslegung.

 

[13] Quelle: www.ekd.de, su voce Zuordnungsrichtlinie.

[14] Der Grundlagenparagraph (§2) ist dicht gefüllt mit Aussagen, die umfänglicher Interpretation bedürfen: „Grundlegende Kennzeichen diakonischer Werke und Einrichtungen als Wesens- und Lebensäußerung der Kirche sind die Erfüllung eines kirchlichen Auftrags in Einklang mit dem Selbstverständnis der Kirche sowie die kontinuierliche Verbindung zur Kirche. Die Erfüllung des Auftrags vollzieht sich in der Dienstgemeinschaft aller Mitarbeitenden in beruflicher und ehrenamtlicher Tätigkeit.“

[15] Grundlegend aus neuerer Zeit: Herrmann Lührs, Kirchliche Dienstgemeinschaft. Genese und Gehalt eines umstrittenen Begriffs.Kirche und Recht (KuR), 2007, 220-246.

[16] So in der Pressemitteilung Nr. 81/12 des Bundesarbeitsgerichts zum Urteil vom 20.November 2012 -1 AZR 179/11. Quelle: wwwbundesarbeitsgericht.de.

[17] Das gilt übrigens auch für diejenigen, die – aus der Szene des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt – für ordentliche Tarifverträge unter Einschluss der Gewerkschaften und ihrer ungeschmälerten Rechte, was Arbeitskampfaktionen betrifft, plädieren und gleichwohl das Konzept der Dienstgemeinschaft als „einen wirtschaftsethisch relevanten Selbstanspruch“ von Unternehmen der Diakonie festhalten, allerdings ohne Näheres dazu auszuführen. Klute, Segbers, 40. Vgl. aber auch der Bezug auf den Rangstreit unter den Jüngern, Mt…

[18] Nikolaus Schneider, „Faire Arbeitsbedingungen durch den Dritten Weg - Aktuelle Anforderungen an das kirchliche Arbeitsrecht“. Siehe ekd.de.

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[19] Dass in diesem Zeitraum das Diakonische Werk der EKD als Spitzenverband der Freien Wohlfahrtspflege einen riesigen Bedeutungsverlust erlitten hat, hängt zum einen mit internen Unfähigkeiten und Unverträglichkeiten zusammen, zum anderen sind die erheblichen Veränderungen in den vergangenen zwei Jahrzehnten in der weiten Dienstleistungslandschaft der Diakonie nicht wirklich konstruktiv begleitet worden und auch nicht nachdrücklich mit den Kirchen kommuniziert worden. Der Spitzenverband vermittelt den Eindruck eines ‚stummen Hundes‘, der in den 1990iger Jahren erschöpft stehen geblieben ist, seinen Mitgliedern zu wenig dienlich ist und sein Selbstverständnis allzu sehr auf ein sozialanwaltschaftliches Konzept einschränkt.

[20] Siehe Schneider, Anm. 19.

 

[21] In ihren Stellenanzeigen sucht die Caritas mit einem noch mehr fordernden Ton, will ein „engagiertes Mitglied der katholischen Kirche“, fordert ein „christliches Wertverständnis und Engagement für den christlich-karitativen Auftrag des Unternehmens“ und die „Mitgliedschaft in der katholischen Kirche“ als unabdingbares Erfordernis.

[22] Klar: auch die Gewerkschaften haben das Problem des Mitgliederschwunds und lassen nichts unversucht, sich uneingeschränkten Zugang zu den Kirchen und ihrer Diakonie bzw. Caritas zu verschaffen. Kommt hinzu: Werden die Gewerkschaften, wenn sie als Organisation in der Diakonie mit am Tisch sitzen, die Modernisierungsnotwendigkeiten der Dienste und Unternehmen wahrnehmen und mitgestalten helfen, oder sind sie eher Verhinderer? Man muss von der uneingeschränkten Einbeziehung der Gewerkschaften in die Gestaltung der Diakonie ganz gewiss keine umstürzenden Ergebnisse erwarten. Vielleicht könnte, wenn man nicht mehr damit beschäftigt ist, die Gewerkschaften mit ihrer Organisationsmacht draußenhalten zu müssen und dies als Unterscheidungsmerkmal zur ‚Welt‘ hochhält, der Weg dafür frei sein, realistischer über Sinn, Anspruch und Politik der Diakonie zu denken und zu reden.

[23] Vgl. dazu meinen Beitrag Normatives Management, Diakonie und Religion. Von der prekären Sichtbarkeit eines Profils der Diakonie. Institut für Diakoniewissenschaft und DiakonieManagement an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel. Bielefeld 2012.

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