Texte Diakonie - Theologie

 

Diakoniewissenschaft in unternehmensleitender Perspektive

 

[Ausgangslage: Berlin und Heidelberg] Eine wissenschaftliche, im akademisch-theo-logischen Betrieb verortete Bearbeitung der Tätigkeit der Diakonie hat seit den Anfängen der neuzeitlichen, damals noch als Innere Mission firmierenden Wohlfahrtsarbeit in evangelisch-sozialer Motivation, kaum stattgefunden. Von einer Diakoniewissenschaft ist erst in jüngster Zeit die Rede. Die protestantische Liebestätigkeit seit Mitte des 19.Jahrhunderts bis zum Beginn des 1.Weltkriegs war gekennzeichnet durch vielfältige Initiativen in Vereinen und Gesellschaften, die aus dem protestantischen Milieu heraus mit der Programmatik der von Johann Hinrich Wichern 1848 vorgetragenen Konzeption einer Inneren Mission zahlreiche Dienste und Anstalten begründeten. Die Literatur, die diesen Prozess eines expansiven sozialen Protestantismus begleitete, diente entweder der werbenden Information und Rechenschaftslegung gegenüber der Öffentlichkeit und der Kirche oder sie hatte den Charakter einer enzyklopädisch angelegten Sachkunde, die die Herkunft und den damals aktuellen Umfang der karitativen Tätigkeit beschrieb.[1] Eine kritische, interdisziplinär ansetzende Reflexion fand nicht statt, obwohl schon damals eine ‚Wissenschaft der Inneren Mission‘ gefordert und hier und da in Ansätzen versucht worden war.[2]

 

Die wohlfahrtsstaatliche Entwicklung in der Republik von Weimar veränderte die Lage für die Innere Mission dann gründlich.[3] Nun reichten die bis dahin bewährten und anerkannten Ausbildungen und Qualifizierungsangebote der Berufsverbände und geistlichen Genossenschaften der Diakonissen und Diakonie nicht mehr aus, um den Anforderungen an Führungskräfte in der Inneren Mission in einer sich professionalisierenden Wohlfahrtsszene zu genügen. Auf Grund einer Initiative von Johannes Steinweg, Theologe und Direktor der Wohlfahrtsabteilung im Central-Ausschuss der Inneren Mission, entstand 1926 an der Berliner Universität das Institut für Sozialethik und Wissenschaft der Inneren Mission unter der Leitung des systematischen Theologen Reinhold Seeberg. Den Nationalsozialisten, die 1937 ein eigenes Institut zur wissenschaftlichen Erforschung des Wohlfahrtsbereichs gründeten, war die für alle sozialethischen und praktischen Aspekte des Wohlfahrtswesens offene Einstellung des sogenannten ‚Seeberg-Instituts‘ ein Dorn im Auge, sodass sie es 1938 schlossen.[4]  

 

Mit dem Beginn der Tätigkeit des 1954 gegründeten Diakoniewissenschaftlichen Instituts an der Universität Heidelberg wurde erstmals ausdrücklich von einer Diakoniewissenschaft gesprochen. Vieles blieb zunächst ungeklärt: Welchem Wissenschaftsverständnis sollte diese Disziplin verpflichtet sein? Wo und wie fügt sie sich in den Kanon der theologischen Einzelfächer ein? Was meint der Begriff der Diakonie? Das mehrsemestrige Studienangebot, soviel stand von Anfang an fest, sollte Theologen und Nichttheologen für leitende Aufgaben in der Diakonie vorbereiten.[5] Das Institut positionierte  sich zwar nicht nachdrücklich in kirchen- und diakoniepolitischer Hinsicht, stand aber doch mehr oder weniger deutlich in der Tradition des von Eugen Gerstenmaier 1945 gegründeten Evangelischen Hilfswerks, das im Unterschied zur herkömmlichen Inneren Mission die enge Verbindung von diakonischer und missionarischer Arbeit aufgelöst sehen wollte und es anstrebte, die vereinsmäßig stets auf ihre Selbständigkeit bedachte Innere Mission als kirchliche Diakonie in die verfasste Kirche einzugliedern[6]

 

Eine Klärung dessen, was Diakoniewissenschaft ist und sein soll, ist durch das Heidelberger Institut in der Folgezeit kaum vorangebracht worden, abgesehen von wenigen Ausnahmen. 1983 legte die traditionsreiche praktisch-theologische Fachzeitschrift Pastoraltheologie Heft 4 mit dem Titel ‚Diakonie und Theologie‘ vor. Jürgen Albert, damals Assistent am DWI, wie das Heidelberger Institut seither kurz genannt wird, lieferte eine   „kurze Geschichte der undisziplinierten Diakonik“, in der er u.A. die Frage stellte, ob das soziale Handeln der Diakonie überhaupt „an einer Verwissenschaftlichung seiner laientheologischen Theorien in Gestalt einer Universitäts-Diakonik oder Lehre von der Inneren Mission“ interessiert sein konnte.[7] Alex Funke, zu der Zeit als Anstaltsleiter der von Bodelschwinghschen Anstalten in Bielefeld bereits im Ruhestand, beschrieb vor dem Hintergrund seiner langjährigen Tätigkeit in Bethel (1968-1979) Themen, bei welchen „die heutige Diakonie auf Aushilfe durch die forschende und lehrende Theologie“ angewiesen sei: „Mitwirkung am Sozialstaat, eine prägende Spiritualität, der Dialog mit den Humanwissenschaften und Diakonie als Thema in der Ausbildung (vor allem, aber nicht nur) der Pfarrer“ seien die zentralen Themen.[8] Die Beiträge in der Pastoraltheologie 1983 dokumentierten ein Gespräch, das 1981 im DWI zum Thema ‚Diakonik als Unterdisziplin der Praktischen Theologie‘ stattgefunden hatte. Einen erneuten Versuch zur Klärung von Begriff und Gegenstand einer Diakoniewissenschaft machten rund zwanzig Jahre später Arnd Götzelmann und Volker Herrmann, beide ehemalige Mitarbeiter am DWI.[9] Sie unterschieden vier Konzepte von Diakoniewissenschaft: ein „phänomenologisch-deskriptives Konzept“, ein „theologisch-normatives Konzept“, ein „handlungswissenschaftliches Konzept“ und schließlich ein diese drei zusammenführendes „integrativ-multidisziplinäre Konzept“, das allerdings bislang keine Ausarbeitung erfahren hat. Die Theologie sollte die zentrale Leitwissenschaft der Diakoniewissenschaft sein und vielfältige Bezugswissenschaften integrieren. Dass Götzelmann und Herrmann dann folgern: „Allerdings verändert sich die Theologie dadurch mit.“ – dies wird nicht des Näheren ausgeführt.

 

Die Geschichte und Wirkung der Tätigkeit des DWI seit 1954 hat Themen erkennen lassen, die für die Ausarbeitung einer Diakoniewissenschaft von Bedeutung sind. Da ist an erster Stelle der Anspruch und das Ziel zu nennen, das diese bis dahin keineswegs etablierte Wissenschaft den Führungskräften in der Diakonie nützlich sein solle und daher anwendungsorientiert zu denken ist. War man aber bereit zu erkennen, was Führungskräften in professioneller Hinsicht fehlt und als Qualifikationsangebot einer fest umschriebenen Diakoniewissenschaft notwendig wäre? Unklar ist auch das Wissenschaftsverständnis der Diakoniewissenschaft, eng verbunden in ihrem Verhältnis zu den Einzeldisziplinen der Theologie, zugespitzt auf die Frage, was das Theologische einer anwendungsorientierten Diakoniewissenschaft wäre. Schließlich war und ist es notwendig, Nähe und Distanz, Selbständigkeit und Integration der Diakonie in das Kirchensystem zu thematisieren. Der Umfang eines Themenspeichers für eine im Einzelnen zu beschreibende Diakoniewissenschaft sei hier nur angedeutet.

 

[Führungswissenschaft]  Mit der Forschungstätigkeit und den Studienangeboten des Heidelberger Diakoniewissenschaftlichen Instituts wurden viele Erwartungen an eine praxisrelevante Diakoniewissenschaft geweckt, die jedoch nur teilweise erfüllt worden sind. Möglicherweise hat es dabei eine Rolle gespielt, dass das Institut sich allzu sehr an den traditionellen, spartenverengten universitären Theologiebetrieb anpassen mußte und den Anschluss an die zunehmende unternehmerische Entwicklung, die nach und nach alle Handlungsbereiche und Ebenen der Diakonie erfasste, nicht herzustellen in der Lage war.[10] Das wurde in besonderer Weise daran deutlich, dass sich das Anforderungsprofil für Führungskräfte in der Diakonie, für leitende Theologen ebenso wie für kaufmännische und andere fachspezifische Vorstände, in den 1980iger Jahren grundlegend zu ändern begann. Alfred Jäger, der 1981 von St.Gallen in der Schweiz auf den Lehrstuhl für Systematische Theologie an der Kirchlichen Hochschule berufen worden war, hat die damals und zum Teil noch bis heute vorhandene unzeitgemäße Führungsarbeit in der Diakonie zum Anlass genommen, Diakonie in ihrer Arbeitsweise grundlegend neu zu begreifen und zu verändern. Seine Arbeiten zur Diakonie als einem christlichen Unternehmen (zuerst 1986[11]) haben ihren grundlegenden Charakter für eine führungswissenschaftlich orientierte Diakoniewissenschaft bis heute nicht verloren. Bezugspunkt  für Jäger war das erste, von Hans Ulrich in St.Gallen entworfene Management-Modell einerseits und die theologische Wirtschaftsethik von Arthur Rich in ihrem damals bereits vorliegenden ersten Band andererseits. Gute Führung in der Diakonie ist von Alfred Jäger erstmals und bis heute gültig systematisch dargestellt worden.  Was er mit Blick auf die leitenden Theologen und die Funktion der Theologie als aufgaben sieht – die Überwindung eines überholten patriarchalischen Hausvatermodells und eines gleichermaßen unpassendes Funktionärsmodells sowie die Entwicklung eines Managerprofils und einer Management-Theologie – gilt mutatis mutandis auch für die anderen, am Diakoniegeschehen beteiligten Professionen und Wissenschaften. Eindrücklich ist Jägers Herausarbeitung der theologischen Achse [12], deren verantwortliche Wahrnahme und Pflege in der Unternehmensführung einen hohen Anspruch an die Führungspersonen stellt. Als zentrierende und dynamisierende Vertikale beschreibt Jäger die von ihm so genannte theologische Achse. Diese ist zwar von Theologen impulsgebend zu verantworten, sie kann aber nur in gemeinsamer Arbeit eines stets multiprofessionell zusammengesetzten Führungsteams wirksam werden. Mit Jägers Arbeiten hat die Diakoniewissenschaft ein eindeutiges Profil als anwendungsorientierte Führungswissenschaft erhalten. Sie reflektiert und gestaltet die gegenwärtige Epoche von Unternehmen der Diakonie zwischen motivierender Herkunft und dynamischer Steuerung in die Zukunft.[13] Das Institut für Diakoniewissenschaft und DiakonieManagement an der Kirchlichen Hochschule Bethel, entscheidend von Jäger konzipiert und gegen Widerstände durchgesetzt, ist seit seiner Eröffnung im Jahre 2009 eröffder einzige und erste Ort in Deutschland, an dem in Master- und PhD-Studiengängen eine konsequent führungswissenschaftlich ausgerichtete Diakoniewissenschaft im Sinne von Jäger erforscht und gelehrt wird.

 

Als 1984, noch vor der ersten großen Diakonieveröffentlichung von Jäger 1986 einige Vorträge von ihm in der Schriftenreihe ‚Bethel’ erschienen[14], kam die Lektüre, so erlebte ich es, einem Befreiungsschlag gleich, hatte ich doch bereits mehrere Jahre den unzureichenden Versuch gemacht, mit dem theologischen Wissen, das mich auf die Tätigkeit als Gemeindepfarrer vorbereitet hatte, meinen Ort als Theologe im fremden Feld von Wirtschaftsentscheidungen, Sozial- und Arbeitsrecht und unternehmerischen Handlungslogiken im Diakoniewerk Kaiserswerth in Düsseldorf zu finden. Befreiung insofern, als nun am Horizont die Möglichkeit aufleuchtete, theologische Identität im diakonischen Dienstleistungsprozess bewahren zu können, mithin Theologie und Ökonomie nicht mehr als Widerspruch zu verstehen und dabei mit frommer Bockigkeit auf dem Primat der Theologie zu bestehen.

 

Damals allerdings konnte ich mir noch keine Vorstellung davon machen, dass und wie sehr sich nun zugleich auch mein Anspruch an die akademisch-traditionelle Theologie ändern würde, wenn es dabei bleiben und darauf hinauslaufen sollte, dass Theologie eine echte Relevanz für die Führungsarbeit in der Diakonie gewinnen soll, andernfalls sie zur schönen Verzierung verkommen würde. Gute Führung der Diakonie und in der Diakonie also nicht ohne Theologie, aber mit welcher Qualität und Ausformung, in welcher Sprache, mit welchen Bildern und vor allem: mit welchen Themen? Erste Antworten hierzu sind mir erst nach jahrelanger Tätigkeit im diakonischen Feld möglich geworden. Schlicht und einfach lautet mein Zwischenergebnis: gute Führung heißt, das situationsgerecht Notwendige tun, die eigene Vertrauen gebende innere Achse kultivieren, einwandern in die Welt von institutionellen Zwängen, ökonomischen Engpässen, Krisen und unabsehbaren Risiken, eine Herausforderung aber auch eine wunderbare Horizontöffnung für einen Berufstheologen.

 

Eine Führungswissenschaft wie die Diakoniewissenschaft wird Antwort darauf geben müssen, was gute Führung ist und welche Mittel und Wege es gibt, um sich diesem Ziel anzunähern. Zunächst ist schlichtweg festzuhalten, dass die besten Führungskonzepte, die sich ganz allgemein im Unternehmensbereich bewährt haben, gerade gut genug sind, um auch in der Diakonie Anwendung zu finden. Diakoniewissenschaft hätte hier die Aufgabe, nach dem Grundsatz „Prüfet aber alles, und das Gute behaltet.“ (1.Thess 5,21) den Überblick über das weite Feld von zeitgemäßen Führungskonzepten zu gewinnen und Kriterien für deren Anwendung im diakonischen Unternehmensbereich zu entwickeln. Dabei sind Konzepte, die ein vernetztes, dynamisches und prozessorientiertes Verständnis von Unternehmensführung vertreten, wie es etwa in den verschiedenen St.Galler Management-Modellen herausgearbeitet worden ist[15], schon vom Ansatz her besser geeignet, um in Diakonieunternehmen angewandt werden zu können.[16] Denn sie machen es möglich, die Wertorientierung des Unternehmensgeschehens als integralen Bestandteil eines Führungskonzepts aufzunehmen, das dem Wesen der Diakonie entspricht.[17]

 

[Freibeuterei und Methodisches] Was an der Diakoniewissenschaft ist wissenschaftlich? Passt überhaupt wissenschaftstheoretische Hochseilartistik zu einer anwendungsorientierten Wissenschaft? Wenn Führung im Fokus der Diakoniewissenschaft ist und sich auf unternehmerisch zu lenkende Dienstleistungsangebote bezieht, dann muss sich die Wissenschaftlichkeit dieser speziellen Wissenschaft daran messen lassen, wie sie den Nutzen der Kunden der Diakonie, den Nutzen für die Akteure sowie den Nutzen für das Gemeinwohl als Gesamtaufgabe von Management und Führung zu thematisieren in der Lage ist. Wenn Diakoniewissenschaft das ganze Spektrum der Diakonie lediglich sachkundlich abzubilden und zu kommentieren würde, wären lediglich allgemeine wissenschaftliche Standards des Sammelns und Sortierens anzuwenden. Ein besonderes, für eine Führungswissenschaft

 

wie die Diakoniewissenschaft typisches Merkmal sollte nun aber gerade nicht das einfache Verstehen dessen, was vorhanden ist, sein, ein Stehenbleiben beim jeweiligen Status quo, auch nicht das bloße Erinnern der Herkunft oder handbuchartiges Zusammenstellen von Handwerkskästen zum unmittelbaren Handeln. Führungswissenschaftlich das Gesamtphänomen Diakonie zu bearbeiten heißt vielmehr, eine Dynamik nach vorne, ein Vo-

ranschreiten, ein Gestalten und Verändern zu reflektieren und zu ermöglichen. Was Diakonie morgen sein soll, das ist wissenschaftlich zu erforschen und als nützliches Wissen an gegenwärtige sowie künftige Akteure zu vermitteln. Das ist das Leitthema und das Forschungsinteresse einer anwendungsorientierten Diakoniewissenschaft, die, um kurz ins Bildliche zu wechseln, einen Ball über die begrenzenden Mauern der Gegenwart zu werfen hat, ohne mit methodisch gesicherter Gewissheit sagen zu können, ob der beabsichtigte Nutzen, das erhoffte Ziel erreicht wird. Für diesen kreativen und ebenso riskanten Akt scheint es kein praktikables wissenschaftliches Kriterium zu geben. Es ließe sich  mit einem gewissen Recht sagen, dass Führung als eine Kunst, ein künstlerisches Tun zu verstehen ist, wenn damit nicht auch ein selbstverliebtes Virtuosen- und Herrschertum verbunden wäre.[18]

 

Was Diakonie morgen sein soll, darauf Antworten zu finden schließt aber nicht die Herkunftserinnerung aus, sondern bezieht die Sozial- und Diakoniegeschichte ein. Das Verstehen der jeweils gegenwärtigen Lage der Diakonie gehört ebenfalls dazu und damit sind mehrere Human- und Realwissenschaften Bezugswissenschaften für die Diakoniewissenschaft. Das Handwerkszeug zum Handeln ist schließlich ebenso notwendig, um

in Kooperation mit den Handlungswissenschaften eine unternehmerisch orientierte Diakonie ‚nach vorne‘ zu bringen. Vermittelt durch all diese Bezüge hat die Diakoniewissenschaft Teil an wissenschaftlichen Standards einer Vielzahl von Einzelwissenschaften. Man könnte die Art und Weise, wie sich die im Werden begriffene Diakoniewissenschaft der Einzelwissenschaften bedient und von ihnen herausgefordert wird, als eine Form von Freibeuterei ansehen, die es der Diakoniewissenschaft erlaubt, ‚feindliche Schiffe auf hoher See aufzubringen und zu kapern‘. Ohne Interdisziplinarität und uneingeschränkte Kooperationsbereitschaft ist so etwas nicht möglich, und offene Methodenvielfalt gehört ebenfalls

 

Die Wissenschaftlichkeit der Diakoniewissenschaft zeigt sich daran, dass sie ist ein offenes, anpassungsfähiges Projekt ist. Ihr wird am besten dadurch Rechnung getragen, dass alle an dieser jungen Wissenschaft Beteiligten die „Notwendigkeit einer systematischen Offenlegung der eigenen ‚Weltanschauung‘“ anerkennen[20] und dabei in einen gleichberechtigten Diskurs einsteigen.

 

Diakoniewissenschaft ist in der hier beschriebenen Perspektive eine verstehende und auf das Entscheiden und Handeln bezogene Lehre von der Steuerung diakonischer Organisationen, Unternehmen und Prozesse, eine Kybernetik für die Diakonie. Sie ist von allem Anfang an anwendungsorientierte Führungswissenschaft. Integral ist die Diakoniewissenschaft insofern, als sie das komplexe Diakoniegeschehen nur dann wesentlich und so vollständig wie möglich erfassen und reflektieren kann, wenn alle am jeweiligen Untersuchungs- und Verstehensprozess beteiligten Fachdisziplinen gleichmäßig und gleichwertig gemeinsam an der Arbeit sind.[21]

 

[Theologieveränderung] Wo bleibt bei diesem Verständnis von Diakoniewissenschaft ‚die Theologie‘? Betrachtet man zunächst die deutsche Hochschullandschaft und sucht dort nach Hinweisen auf einen Lehr- und Forschungsbereich Diakoniewissenschaft, dann muss man feststellen, dass an den evangelisch-theologischen Fakultäten der Universitäten und Kirchlichen Hochschulen in der offiziellen Wahrnehmung ein solcher Bereich nicht vorhanden ist. Zumindest gilt dies für die vom Wissenschaftsrat 2010 vorgelegten Empfehlungen zur Weiterentwicklung von Theologie und religionsbezogenen Wissenschaften an deutschen Hochschulen.[22] Dort wird weder in der Auflistung der Kernfächer evangelischer Theologie noch bei der Erwähnung „sogenannter Randprofessuren“ eine Diakoniewissenschaft erwähnt.[23] Nur an kirchlichen Fachhochschulen wird dieser Fachbereich wahrgenommen, verbunden mit der Feststellung, dass die dort lehrenden Theologen an theologischen Fakultäten in klassischen Fächern wie der Praktischen oder Systematischen Theologie qualifiziert wurden, bevor sie sich an einer Fachhochschule u.a. auch auf eine Spezialität wie die Diakoniewissenschaft einstellten.[24] In der Systematik des Statistischen Bundesamtes zu den theologischen Studienfächern an deutschen Hochschulen, die im Anhang der Empfehlungen des Wissenschaftsrates wiedergegeben ist, wird die Diakoniewissenschaft immerhin differenzierend ausgewiesen. Sie erscheint im Studienbereich 02 ‚Evangelische Theologie, Religionslehre‘ als eigenes Studienfach 161 und im Lehr- und Forschungsbereich 020 ‚Evangelische Theologie‘ als Fachgebiet 0215.[25] Man kann aus den wenigen Bemerkungen des Wissenschaftsrates den Schluss ziehen, dass die Diakoniewissenschaft noch nicht einen ihr angemessenen Platz im traditionellen Kanon der theologischen Einzelfächer gefunden hat, der dem Umfang und der Komplexität der kirchennahen Sozialwirtschaft im Zeichen der Diakonie entsprechen würde. Die gradlinige Ausrichtung als anwendungsorientierte Wissenschaft kann kein Grund dafür sein, sie aus diesem Kanon herauszuhalten. Sie ‚irgendwie‘ in den Einzelfächern Praktische Theologie oder Systematische Theologie mitlaufen zu lassen kann ebenfalls nicht weiterführend sein, wenn man berücksichtigt, dass in Anbetracht der religiösen Vielfalt in den Diensten und Unternehmen der Diakonie deren Verstehen und Gestalten heutzutage nur in religionswissenschaftlich fundierter Offenheit zu reflektieren ist. Eine dementsprechende Diakoniewissenschaft sprengt den Rahmen des herkömmlichen theologischen Wissenschaftsbetriebs, öffnet und verändert ihn.

 

Eine für die Struktur und Organisation von Diakoniewissenschaft entscheidende Konsequenz lautet, dass diese noch nicht wirklich etablierte Wissenschaft nicht mit einer als Leitwissenschaft zu verstehenden Theologie rechnen kann und sollte. Theologie hat vielmehr den Charakter einer Bezugswissenschaft im Konzert mit zahlreichen anderen Bezugswissenschaften. Theologie treibt ihr ‚Unwesen‘ im Sinne eines Freibeutertums in einer wissenschaftlich offenen Szene, sie ist eine nicht immer methodisch und thematisch   feststellbare Querschnittsfunktion in der Diakoniewissenschaft, sie lässt sich verwirren durch Wissenschaftler und Akteure jeder erdenklichen Couleur und weiß bisweilen nicht mehr, wie sie die Spurenelemente sich verflüchtigender Christlichkeit noch vernünftig behandeln soll. Vor allem hat sie sich der zutiefst verunsichernden Situation auszusetzen, dass die religiösen Grundlagen kirchlicher Frömmigkeit und Sprache weitestgehend nicht mehr tragfähig sind, um Leben und Handeln heute zu begründen. Die Erfahrung der Bedeutungslosigkeit hergebrachter volkskirchlicher Verstehensmuster kann theologisch nicht einfach ausgeblendet werden.

 

Was von Kirche und Religion durchschnittlich und somit auch in der Diakonieszene gedacht und gesagt wird, konnte ich unfreiwillig und nicht nur dies eine Mal am Frühstückstisch während einer großen Diakoniekonferenz, auf deren Programm die Morgenandacht zum Sitzungsanfang stand, anhören: „Die mit ihrem hoch gestochenen diakonischen Anspruch“. „Nee, ich geh‘ jetzt nicht in die Kirche. Das alles kannst du doch vergessen…, höchstens noch, wenn es so um ‚lebenswert‘ geht, dass die da nicht so schräge Sachen machen, da kannst du mit dieser Sache (gemeint: Diakonie) was machen.“ „Aber sonst: ist doch so – es geht um Dienstleistung, da ist der Kunde, und das ist doch eine ganz klare Sache. Da ist nichts mit Diakonie.“ „Und dann guck dir mal die Pfarrer bei uns in der Einrichtung an: kommen und machen ihren Spruch, Tageslosung und so, und dann verdrücken sie sich wieder und leben ganz gut.“ „Und am Ende, wenn’s um’s Sterben geht, da hat das noch einen Sinn. Da sind ja Ängste im Spiel, da ist es ganz gut, so Seelsorge.“ „Ja, da hast du auch recht.“ – Zurückhaltender formulierte Gerhard Ebeling 1959: „Was wird landauf landab für ein Aufwand für die Verkündigung des christlichen Glaubens getrieben! Aber ist es nicht – von Ausnahmen abgesehen – die institutionell gesicherte Belanglosigkeit?“[26]

 

Theologie kann im Kontext von Diakoniewissenschaft keinen normativen Alleinvertretungsanspruch erheben, sondern sie wird sich dann als kompetent erweisen, wenn sie  den interdisziplinären Diskurs zwischen den Bezugswissenschaften und der Praxis zu organisieren und mit nützlichen Beiträgen zu beleben versteht. Aufgaben und Themen gibt ihr die Diakoniewissenschaft in genügendem Maße. Und die Theologie, oder sollte man nicht besser sagen: die Theologien haben viel zu bieten. Der Stoff, aus dem Theologie ‚gemacht‘ ist, das sind erfahrungsgeladene Themen, die von dem Leben in Grenzen, von Schuld und Vergebung, von kühner Freiheit und schöner wie schwerer Verantwortung handeln, und dies im Gegenüber zu dem Unsichtbaren, von dem dieser Welt und meinem Leben Innewohnenden.

 

Trutz Rendtorff pointiert: „Wahr ist aber das Christentum dann und überall, wo es die Teilnahme eröffnet an der Verantwortung für das gute Leben und an der Einsicht in die Abgründe der Wirklichkeit, wo der Mensch diese Verantwortung ergreift.“[27] Theologie also nicht vor allem normativ, auch nicht flächendeckend systematisch, um nicht zu sagen: dogmatisch verfahrend, sondern kontextuell bezogen, den Diskurs immer wieder anregend und reflektierend. Ob in jedem Kontext dann ein explizit theologischer Ansatz und Blick ‚passend‘ ist, notwendig und hilfreich, das lasse man bewusst offen.

 

[1] Vgl. Theodor Schäfer, Art. Mission, Innere, in: ders., Evangelisches Volkslexikon zur Orientierung in den sozialen Fragen der Gegenwart, hrsg. vom Evangelisch-sozialen Central-Ausschuß für die Provinz Schlesien. Bielefeld, Leipzig 1900, 503-506. Dort auch weitere Literatur. Schäfer und zahlreiche Autoren dieses Volklexikons gehörten, insbesondere als Theologen, zu den Leitungspersonen damaliger Dienste und Einrichtungen der Inneren Mission.

[2] Eine ins Einzelne gehende Darstellung ist zu lesen bei Jürgen Albert, Diakonik - Geschichte der Nichteinführung einer praktisch-theologischen Disziplin. In: Pastoraltheologie 72 (1983), 164-177.

[3] Im Folgenden beziehe ich mich auf Jochen-Christoph Kaiser, Von Berlin nach Heidelberg. Diakonie als Wissenschaft. Anmerkungen zum Vorläuferinstitut des Heidelberger Diakoniewissenschaftlichen Instituts, in: 50 Jahre Diakoniewissenschaftliches Institut. Ergebnisse und Aufgaben der Diakoniewissenschaft, hrsg. von Volker Herrmann (DWI-INFO Sonderausgabe 5). Heidelberg 2005, 136-143.

[4] Zu allen Einzelheiten vgl. Kaiser. Zum Hintergrund vgl. auch Johannes Steinweg, Innere Mission und Gemeindedienst in meinem Leben. Berlin 1959.

[5] Vgl. hierzu die Erinnerungen von Paul Philippi, dem zweiten Direktor des Instituts, bei Renate Zitt, Zeitzeugengespräch mit Paul Philippi, Theodor Strohm und Heinz Schmidt. In: 50 Jahre Diakoniewissenschaftliches Institut… (Anm. 3), 144-159, hier 145.

[6] Zur Hilfswerktradition vgl. Johannes Michael Wischnath, Kirche in Aktion. Das Evangelische Hilfswerk 1945-1957 und sein Verhältnis zu Kirche und Innerer Mission. Göttingen 1986.

[7] Jürgen Albert, Diakonik – Geschichte der Nichteinführung einer praktisch-theologischen Disziplin. Pth 72/ 1983, 164-177, hier 170.

[8] Alex Funke, Diakonie und Universitätstheologie – eine versäumte Begegnung? In: Pth 72 (1983), 152-164, hier 160.

[9] Arnd Götzelmann und Volker Herrmann, Zu den Grundlagen und Entwicklungen der wissenschaftlichen Reflexion diakonischen Handelns. In: Michael Schibilsky, Renate Zitt /Hrsgg., Theologie und Diakonie. Gütersloh 2004, 483-500, hier 484f. 

[10] Immerhin hat das DWI maßgeblich dazu beigetragen, dass an zahlreichen evangelischen Fachhochschulen diakoniewissenschaftliche Studienangebote entstanden, die heute von Lehrenden verantwortet werden, die ehemals zu den Studierenden am DWI zählten oder dort Mitarbeiter waren. Die Bemühungen zahlreicher evangelisch-theologischer Fakultäten, einen diakoniewissenschaftlichen Schwerpunkt an ihre traditionellen Angebote anzukoppeln, sind unterdessen weithin im Sande verlaufen.

[11]  Die im wahren Sinn des Wortes bahnbrechende Arbeit von Alfred Jäger erschien unter dem Titel Diakonie als christliches Unternehmen. Theologische Wirtschaftsethik im Kontext diakonischer Unternehmenspolitik. Gütersloh 1986..

[12]  siehe Jäger, a.a.O., 64-70.

[13] In einer gründlichen Untersuchung hat David Lohmann Jägers Ansatz dargestellt, betriebswirtschaftlich verortet und dessen Managementmodell, orientiert an dem systematischen Theologen Paul Tillich, theologisch vertiefend reflektiert: Das Bielefelder Diakonie-Managementmodell. Leiten. Lenken. Gestalten – Theologie und Ökonomie Bd.1, hrsg. von Alfred Jäger. Gütersloh 1997.

[14] Vor Jägers Veröffentlichung von 1986 kam mit dem Heft 28 der Beiträge aus der Arbeit der v.Bodelschwinghschen Anstalten in Bielefeld-Bethel (Bielefeld 1984) unter dem Titel Diakonie als ökonomisches Unternehmen eine erste Sammlung seiner Beiträge heraus. Dieses Heft war heiß gehandelte Ware und Stoff für heftige Diskussionen auf den Führungsetagen der Diakonie.

[15]  Vgl. Rolf Dubs, Dieter Euler, Johannes Rüegg-Stürm, Christina E. Wyss (Hrsg.), Einführung in die Managementlehre. 5 Bände. Bern, Stuttgart, Wien 2004. Es handelt sich um die dritte Generation der St. Galler Schule, die, beginnend mit Hans Ulrich, die herkömmliche Betriebswirtschaftslehre durch ein umfassendes, ganzheitliches Managementkonzept abgelöst hat. Eine Kurzfassung, die jedoch in jedem Absatz Lust macht, das große fünfbändige Werk zu benutzen, gibt Johannes Rüegg-Stürm, Das neue St. Galler Management-Modell. Bern, Stuttgart, Wien 2. Aufl. 2005.

[16]  Fragen des Managements in Non-profit-Organisationen im Sinne des von Peter Schwarz in der Schweiz entwickelten Freiburger Management-Modells erörtere ich hier nicht. Vgl. jedoch Hanns-Stephan Haas, Theologie und Ökonomie. Ein Beitrag zu einem diakonierelevanten Diskurs. Leiten. Lenken. Gestalten – Theologie und Ökonomie Bd. 19., Gütersloh 2006. Haas gibt hier u.A. einen Überblick über die Entwicklung der St.Galler Managementmodelle und bezieht dabei auch das Freiburger Modell ein (46-160).  

[17] Vgl. die auch für die Steuerung von Dienstleistungen der Diakonie aufschlussreiche Studie von  Urs Jäger, Wertbewußtes Controlling. Weiche und harte Faktoren integrieren. Wiesbaden 2003.

[18] Vgl. Klaus Hildemann, Charismatische Führungspersönlichkeiten und soziale Verantwortung. In: Johannes Eurich, Alexander Brink (Hrsg), Leadership in sozialen Organisationen. Wiesbaden 2009, 91-97. Sein Beitrag sensibilisiert für die Bedingungen einer wirkungsvollen positiven Beziehung zwischen charismatischer Persönlichkeit und Organisation.

[19] Das Stichwort ‚Werdewelt‘ verwende ich mit Bezug auf die oben in Anm. 15 genannte St. Galler Einführung in die Managementlehre, Bd.1, 194f..

[20] Einführung… a.a.O., 213.

[21] Es stellt eine m.E. unzulässige Eingrenzung dar, Diakoniewissenschaft primär und mehr oder weniger ausschließlich auf die Sozialarbeitswissenschaft als Bezugswissenschaft zu orientieren, wie es Albert Mühlum und Joachim Walter (Diakoniewissenschaft zwischen Theologie und Sozialarbeit. In: Arnd Götzelmann u.a./Hrsgg., Diakonie der Versöhnung. Ethische Reflexion und soziale Arbeit in ökumenischer Verantwortung. FS für Theodor Strohm. Stuttgart 1998, 277-289) vorschlagen. Diakonie ist eben nicht „großenteils…sozialarbeiterisch“ (a.a.O., 283) handelnd.

[22] Zu beziehen über die Geschäftsstelle des Wissenschaftsrates, D-50968 Köln, Brohler Straße 11.

[23] Empfehlungen…a.a.O., 16 und 62.

[24] A.a.O., 25.

[25] A.a.O., 101.

[26] Gerhard Ebeling, Das Wesen des christlichen Glaubens. Tübingen1959, 9.

[27] Trutz Rendtorff, Christentum außerhalb der Kirche. Konkretionen der Aufklärung. Hamburg 1969, 94.

 

 

 

Paradies auf Erden

 

Im kollektiven Bewusstsein der Menschen hat sich seit eh und je, über alle Grenzen der Kulturen und Religionen hinweg eine elementar verunsichernde Selbst- und Welterfahrung eingelagert. Schmerz, Leid, Tod, Begrenztheit der Kräfte und Gedanken, Fehlsamkeit und Versagen, tief verunsichernde Grenzerfahrungen – ein unvollkommenes Leben, eine immer wieder ungeordnete, gewalttätige Natur und Welt irritieren und fordern heraus zur Auseinandersetzung. Das ist ganz wesentlich der Stoff, aus dem Religionen gemacht werden. Das ist des Näheren auch die Folie für Bilder von einem Paradies, für die Sehnsucht nach einem paradiesischen Zustand, in dem das Unvollkommene und der Mangel abwesend sind. Im Gefühlshaushalt der Menschheit mischen sich Stimmungen und Einstellungen zu diesem Paradieskomplex, der zu jeder Zeit seine besondere Kontur gewann: da ist die Trauer über das verlorene Paradies, Verlust einer Unschuld in unvordenklich lange zurückliegenden Zeiten, vorbei und endgültig vergangen der ideale Zustand; da ist des Weiteren die irre Hoffnung auf ein Paradies in einer nebelhaft unklaren Zukunft, die ewige Vertagung auf übermorgen, auf die unerreichbare Utopie; und da ist dann auch immer wieder die zu Terror neigende Bezwingung der Gegenwart im Namen eines demnächst mit Sicherheit zu erreichenden paradiesischen Idealzustands. Wer wollte die Essenz ‚Paradies‘ einzig und allein auf eine einzige Flasche ziehen?

 

Zu den großen Paradieserzählungen mit „menschheitlicher Bedeutung“ (so der Alttestamentler Claus Westermann) wird vornehmlich der biblische Stoff von der Erschaffung des Menschen und seiner Vertreibung aus dem Paradies im Buch Genesis gerechnet. Man hat in der Forschung unterdessen verstanden, dass hier nicht von einem geschichtlich datierbaren ‚Sündenfall‘ gesprochen werden kann, und dies womöglich noch mit moralisch erhobener Stimme. Das würde, wie man lange spekuliert hat, einen vorgeschichtlichen paradiesischen Urstand voraussetzen, einschließlich eines sündlosen, fehlerhaften, ‚natürlichen‘ Menschen; später dann, durch schuldhaftes Verhalten wären die Menschen aus diesem Zustand vertrieben worden. Im Gegensatz zu diesen mit viel lebloser Dogmatik versetzten Vorstellungen wird in der Genesis also nicht zentralperspektivisch eine paradiesische vorgeschichtliche Ära geschildert, sondern es wird Verständnis geweckt für eine ungeteilte Wirklichkeit, in der sich die Menschen ein urgeschichtliches Geschehen erzählen, um die beängstigenden Begrenzungen ihrer Geschöpflichkeit aushalten, annehmen zu können. Göttliches und Menschliches ist in diesem Erzählraum nicht mehr, wie in homerischen Zeiten, ungetrennt zu einer Einheit verschmolzen, beides ist vielmehr getrennt, der Mensch ist das Gegenüber zu Gott. Gott ist Gott und der Mensch ist Mensch, der nach allem, was von Lebensbäumen, von Frau, Schlange, Nacktheit und Versuchlichkeit zu berichten ist, nicht mit dem Tod bestraft wird, sondern der das Lebensgeschenk und einen göttlichen Auftrag erhält, die Erde zu erhalten und zu bebauen, nicht ohne Mühe und nicht ohne Leid. Das ist die Quintessenz der Genesiserzählung. Von einem Paradies auf Erden kann demnach nicht die Rede sein.

 

Das Schöne an der Wirkungsgeschichte dieses biblischen Erzählstoffes ist das inspirierende Bild von dem Paradies als einem Garten, umgrenzt, umwallt, wo Glück, Friede, Ruhe herrschen. Dieser Garten sei aus göttlicher Pflanztätigkeit in ‚Eden im Osten‘ hervorgegangen, heißt es in der Genesis. Die Bezeichnung Eden, so wenig sie sich geographisch sicher zuordnen lässt, wird nicht mehr in ungreifbarer Vergangenheit angesiedelt, sondern sie deutet hin auf eine Örtlichkeit im geschichtlichen Raum. Was sich mit dem Paradiesbild verbindet, tritt aus dem vorgeschichtlichen, mythischen Vorraum heraus, wird Welt, irgendwo und immer wieder einmal geschaut in den Ländern des fruchtbaren Halbmonds Vorderasiens. Lebhafte sinnliche Eindrücke von Leben spendenden Flüssen und Bäumen, von rettenden Rastplätzen mitten in der Wüste lassen das Bild vom Paradies zu einer begehbaren, erlebbaren Realität werden. Das Paradies, ein üppiger, schattiger, erfrischender Garten. Bemerkenswert: lediglich dreimal wird in der Bibel vom Paradies gesprochen, vom Garten dagegen mehr als fünfzig Mal. Sich das Paradies als einen Garten vorstellen heißt, es für möglich zu halten, dass Erträumtes und Ersehntes, kurzum: gutes Leben, ein rundum friedlicher Zustand auf Erden, ein kultiviertes, fruchtbares Land in Teilen, in mehr oder weniger geringem Umfang Wirklichkeit werden kann, nicht außerhalb der realen Welt, sondern diesseitig.

 

Uns ist allerdings bewusst, dass ein ‚Himmel auf Erden‘, ein paradiesischer Zustand in Fülle und Pracht sich nicht leicht beschreiben lässt. Uns fehlen die Worte dazu. Allenfalls dichterische Sprache kommt dem nahe, was wohl nur visionär fassbar ist. Hier ist an Dante Alighieri (1265-1321) zu erinnern. Er führt in seiner ‚Göttlichen Komödie‘ einen Weg vom Inferno (der Hölle) über das Purgatorio (den Läuterungsberg) hinein in das Paradiso. Er wendet für diesen Aufstieg allergrößte bildlich-begriffliche Kraft an. Um das zu fassen, was dort im Paradies zu schauen ist, kommt Dante an die Grenze dessen, was sagbar ist. Bevor er den Versuch macht, dennoch mit verständlichen Worten zu sprechen, muss er erschrocken feststellen: „Wie arm ist doch die Sprache und wie kläglich/ für den Gedanken, und nach dem Geschauten/ ist der so groß, dass Worte nicht genügen.“ Danach beschreibt der Visionär nicht etwa einen fruchtbeladenen paradiesischen Garten; das Paradies ist für ihn vielmehr ein ganz und gar abstrakter Raum, den er nur noch in hymnischer Hochsprache zu erreichen vermag: „O ewiges Licht, das sich nur selbst bewohnet/ nur selbst begreift, und von sich selbst begriffen/ und sich begreifend sich auch liebt und lächelt!“ Dantes Paradies hat seinen Ort im Innern des Sehers, der überwältigt wird von kaum noch beschreibbaren Bildern und Gedanken, geblendet von einer kristallenen Klarheit, losgelöst von allem Engen, Irdischen. Eine reine Geistform ist das Paradies. Was landläufig ein ‚Himmel auf Erden‘ genannt wird, kann mit Dante als ein inneres Geschehen im Menschen verstanden und vorgestellt werden, ein Aufstieg zu unüberbietbarer klarer Bewusstheit. Das Paradies – gleichsam ein Garten im Gemüt des Menschen.

 

In radikal entgegengesetzter Weise hat man im 20.Jahrhundert von herstellbaren paradiesischen Verhältnissen geträumt, es dann aber nicht beim Träumen belassen. Mit aller Art von Gewalt ist man daran gegangen, das nie dagewesene Neue, das Paradies auf Erden herbeizuzwingen oder eine gute, ideale Vergangenheit wiederherzustellen, dies nicht irgendwann zukünftig, sondern jetzt und so schnell wie möglich. Kommunistisch-stalinistischer Terror und faschistischer Gleichschritt sollten am Ende in eine glückliche, harmonische, helle, ewig dauernde Zukunft führen. Versprochen wurde der ‚neue Mensch‘, der nach Ausmerzung gemeinschaftsschädigender Verhaltensweisen und rückständiger Lebensauffassungen in der Lage sein würde, friedlich und unter der Führung einer allmächtigen Partei sowie eines vormundschaftlichen Staates in gleichsam paradiesischen Verhältnissen seine Zeit zu verleben.

 

Michail Scholochow (1905-1984) lässt in seinem Epos ‚Der stille Don‘, in dem er ein eindrückliches Bild der spätzaristischen Zeit und der beginnenden Oktoberrevolution in Russland zeichnete, die Bolschewikin Anna Pogudko zu Ilja Mytrisch Buntschuk, ihrem geliebten Kampfgenossen sagen: „Wird das Leben im Sozialismus denn nicht schön sein? Keine Kriege, kein Elend, keine Unterdrückungen, keine nationalen Abgrenzungen – nichts!“ Für diese Zukunft will sie bis zum letzten kämpfen, „und wenn es kein plötzlicher Tod ist, wird das letzte, was ich empfinden werde, dieser triumphierende, erschütternd schöne Zukunftshymnus sein“. Seinen Idealismus verliert Buntschuk indes, denn als Kommandeur eines rotgardistischen Hinrichtungskommandos packt ihn der Ekel, der dem großen sozialistischen Glück vorausgeht; wie ein „eisernes Muss“ lastet die Erschießungsarbeit auf ihm. Zu Anna sagt er: „Dreckige Menschen zu vertilgen, ist eine schmutzige Angelegenheit. Weißt du, erschießen ist schädlich für Gesundheit und Seele … ach du … so eine Dreckarbeit machen entweder Dummköpfe oder Fanatiker. Alle wollen in blühenden Gärten wandeln. Aber – hol sie alle der Teufel – bevor man Blumen und Bäume pflanzt, muss man den Dreck wegputzen! Düngen muss man! Die Hände muss man beschmutzen! ... Den Schmutz muss man vertilgen, und davor ekelt man sich!“ Dem Paradies geht die Selbstzerstörung voraus und die Vernichtung der anderen. Der Paradieszustand wird unerreichbar, der Traum davon verliert sich. Wenn das Morden auf diesem Weg, der zu einem guten Leben führen sollte, endet, ist der Weltzustand kein bisschen besser als das Elend, aus dem man hoffnungsfroh aufbrach.

In kleiner Münze ist der Paradiestraum bis in die Gegenwart stets als das zu erstrebende Soziale ausgegeben worden, wie ungenau oder wie präzise man dieses Vielzweckwort auch zu definieren bemüht war. Zwar sind Gesellschaftsverhältnisse, die auf Gleichheit, Gerechtigkeit und Frieden zielen, nachweislich nie ideal gewesen. Allgemeine Wohlfahrt aber, die man mit politischer Programmatik zu erreichen versuchte, war so etwas wie das kleine, machbare Paradies, ohne idealen Totalanspruch. Dabei schwingt auch manches an illusionären Vorstellungen mit, weil divergierende, machtvoll organisierte Interessen einen harmonischen Ausgleich immer wieder gefährden, weil der Mensch eben doch nicht paradiesfähig ist, auch nicht für eine kleine Variante.

 

Die Kultur- und Geistesgeschichte des Paradiesmotivs, das zeigen diese wenigen Schlaglichter, ist Ausdruck des unablässigen Bemühens der Menschen, den unfertigen, mangelbehafteten Lebens- und Weltzustand zu ertragen und sich zu erklären, träumend zurück in eine ferne Vergangenheit, träumend nach vorne in eine unwahrscheinliche Zukunft. Stets kommt man dabei zu der ernüchternden Einsicht, dass im Rückblick nirgendwo glücklichere, ideale, gar paradiesische Verhältnisse geherrscht haben, und dass Paradies-projekte im großen Stile samt und sonders scheiterten.

 

Das Paradiesmotiv hat sich indes nicht ganz und gar verflüchtigt, denn es lebt fort in unseren Sehnsüchten, in situativer Empfänglichkeit für Bilder, Stimmungen, Empfindungen. Paradiesisches erscheint uns als Garten, Landschaft, Raum, als liebliche Gegend, in der Natur und Kultur ansprechend miteinander verbunden sind. Der Bodensee und die ihn umgebenden Landschaften sind dafür ein ganz besonderes Beispiel. Die Attraktion dieser Region ist zu allen Zeiten mächtig gewesen. Dichter, Maler, Philosophen ließen sich von Licht, Wasser, alten Städten, Bergsicht inspirieren, nahmen ihren Wohnsitz an den Seeufern. Eduard Mörike (1804-1875) konnte in seiner ‚Idylle vom Bodensee‘ (1846) Worte für das Faszinierende finden: „…jenseits, am Ufer gestreckt, so Städte wie Dörfer,/ fern, doch deutlich dem Aug, im Glanz durchsichtiger Lüfte./ Aber im Grund wie schimmern die Berge! wie hebet der Säntis/ silberklar in himmlischer Ruh die gewaltigen Schultern!“ Seit dem frühen Mittelalter haben zugereiste Mönche diese Landschaft kultiviert – die Insel Reichenau, das Kloster Salem, St. Gallen, von diesen Orten gingen Kulturleistungen aus, die den Bodenseeraum in alten Zeiten zu einem Zentrum für wissenschaftliche Arbeit, hoch entwickelten Garten- und Landschaftsbau und insgesamt zu einer ausgesprochen wohlhabenden Region werden ließen. Leopold Ziegler (1881-1958), ein höchst eigenwilliger, heute kaum mehr bekannter Philosoph, der lange in Überlingen gelebt hat, sprach in einem Essay in der Frankfurter Zeitung 1935 den besonderen Charakter des Bodensees an: „Der Bodensee, könnte man sagen, ist die Landschaft unseres deutschen Anfangs. Hier beginnt der Deutsche im Namen Gottes zu roden und zu pflanzen, zu bilden und zu bauen, zu dichten, zu singen und zu sinnen; hier setzt sich jeder Fussbreit der sichtbaren Landschaft draussen um in ein Stück Seelenlandschaft drinnen, und wie es den leiblichen Blick unwiderstehlich in die Fernen des Raumes zieht und lockt, so zieht und lockt es den geistigen Blick unwiderstehlich in die Fernen der Zeiten.“

 

Viele Namen verbinden sich mit denen, die dem Bodenseeraum seine kulturelle Prägung bis in die Gegenwart hinein geben: Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848), Schriftstellerin zwischen dem Münsterland und Meersburg; Maler, die sich im Dritten Reich auf die Halbinsel Höri, vis-a-vis dem Schweizer Ufer am Untersee in ein unsicheres Exil zurückzogen, so etwa Otto Dix, Helmuth Macke und andere; Fritz Mauthner (1849-1925), lebte seit 1909 in Meersburg, in seinen letzten Lebensjahren Verfasser eines vierbändigen Werkes ‚Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande; Martin Walser, in Nußdorf ansässiger Schriftsteller von bedeutendem Rang, der in seiner ebenso harmlosen wie hintergründig psychologischen Novelle ‚Ein fliehendes Pferd‘ (1978) die Bodenseeszenerie unnachahmlich einfing. Zu alledem passt alte, historisch einmalige, aber auch viel zeitgenössische Kultur, die sich in traditionsreichen Städten wie Bregenz, Lindau, Überlingen, Konstanz, Arbon um den See herum versammelt und in kleinen Orten wie Bodman, Langenargen und Wasserburg bis heute die Tiefe und Weite des geschichtlichen Raumes erlebbar macht. Verbunden, eingefasst, durchdrungen wird das Ganze von sanften Weinhängen, durchglühten saftigen Obstfeldern, feierlich dämmerigen Wäldern und hellen Kieselstränden. Die Anmutung, der man sich hier ausgesetzt sieht, läßt die Vorstellung und den Gedanken an ein Paradies aufkommen, in dem zu leben gut ist, weil Schönheit, Nützlichkeit, Fülle und Friedlichkeit eine ganz besondere Verbindung eingegangen sind, so scheint es.

 

Der Bodensee – eine traumhafte, paradiesische Landschaft, ein Himmel auf Erden? Es wäre zu billig, jetzt davon zu reden, wie sehr auch in dieser Region Realität herrscht, herrscht mit Spannungen, Mangel, Unfrieden. Natürlich ist eine anmutige Natur, die hier ausgebreitet ist, nicht der Rest von dem, was man einst das Paradies, den Garten Eden nannte. Denn auch hier am Bodensee gilt: Schönheit nicht ohne Härten, es gibt den Starkregen, der kurz vor der Weinernte die Frucht zerstört, den Frost, der die Baumblüte beendet. Es gibt den Mangel und das Unglück. Und dennoch: die Formationen des Landes, das besondere regionale Klima, die befreiende Weitsicht und die alten Dörfer und Städte – das alles lässt Vertrautheit, Sehnsucht, Zustimmung zum Leben und immer wieder paradiesische Gefühle aufkommen. Nicht ein weltflüchtiges Träumen in ein Paradies hinter dem Horizont kommt dabei auf, sondern ein anregendes, befreiendes Einverständnis mit dem, was sich diesseits des Horizonts zeigt und ereignet. Das eine, vollkommene Paradies auf Erden – nein. Möglich aber ist punktuell eine geradezu traumhafte Überwältigung durch paradiesische Eindrücke und Gefühle, von Ferne eine Erkennung des Geträumten im Vorläufigen, Unfertigen, Mangelhaften. Das kann am Bodensee passieren.

 

2012