Texte Tagebuchliteratur

 

 

28.Dezember 2010.   Ob ich es Verschwendung nennen soll, Verschwendung von Gütern und Zeit, ob es sich um das Totschlagen von Zeit handelt, ob da eine Angst vor der Leere herrscht, ob Langeweile, Lebensüberdruss – ich weiß es nicht.  Jedenfalls heute Morgen eine kleine Einsicht, mehr noch ein unerwarteter Überblick darüber, wie ich so lebe, was ich so mache, und das mit einem ruhigen Erschrecken darüber, wie sich die verrinnende Zeit von selbst füllt, sich der vielfältigen Aktivitäten und Dinge bemächtigt, sodass ich mit einem sehr geringen Aufwand von eigenem Wollen auskomme, es kaum auf mich ankommt.

Gewaltiger Taktgeber: das Duett von Computer und Fernseher. Vor dem PC die Abarbeitung von Mails, die als eine Liste unbeantworteter Anfrage, Angebote, Wünsche, Bekundungen vorwurfsvoll auf dem Bildschirm erscheinen. Adressbestände wollen bearbeitet, auf den aktuellen Stand gebracht werden. Das Suchen, Finden, Bestellen von Büchern, immer mit der Gefahr verbunden, beiläufig auf einen nicht gesuchten Titel zu stoßen ( „ist ja enorm preiswert“, „den hatte ich doch schon immer mal im Blick gehabt“). Die laufende Kontrolle der Verbindung zu meinem Geldinstitut, ein sich oftmals täglich wiederholender liturgischer Akt. Und natürlich das Suchen von Allem und Jedem – Wettervorhersagen, eine ‚schöne‘ Jacke, verloren gegangene Bedienungsanleitungen, neueste Nachrichten – und die Zeit läuft, ist ganz selbständig. Kaufen und Verkaufen ist eine Aktivität, die die Zeit ganz besonders gerne in sich hineinfrisst. Kurzum: die Hockerei vor der Tastatur und dem Screen, diese Übung im Stillsitzen in der unendlichen Weite und Raserei des Internets braucht tendenziell alle Zeit des Lebens, oder muss man sagen: die endlose Zeit bedient sich vorzugsweise der wichtigtuerisch so genannten Bildschirmarbeit.

Der Wechsel vor den anderen Bildschirm ist dann fließend, gleichsam organisch. Es hat den Anschein, als wäre die Zeit vor dem Fernseher nun endlich einmal eine Zeit, die ich selbstmächtig zur Verfügung stelle, in der ich mich entspannen kann, ‚Freizeit‘ habe. Aber schon in dem Moment, in dem ich die Fernbedienung in die Hand nehme, tauchen zahlreiche Programme potentiell im background auf (bei mir immerhin 28), von denen ich mich beeindrucken lasse, zwischen denen ich nervös hin- und herwechsele. Hier öffnet sich ein neues ebenfalls riesig weites Zeitfenster und stiehlt meinen Willen, macht mein eigenes Wollen träge und mich am Ende schläfrig. Auch hier gewinnt die Zeit – gegen mich.

Die häufigen Ausflüge in die Kaufpassagen, in die schnuckeligen Boutiquen und Spezialshops, zu den weltmarktführenden Discountern und niedrigstpreisigen Ramschläden werden von der selbstbestimmt agierenden Zeit mit Vorliebe in Anspruch genommen. Es muss ja immer wieder und noch einmal verglichen werden, es gibt unsere Vorstellungen und Wünsche, die in der Warenwelt realisiert werden wollen. Die Suche nach dem preisgünstigsten und zugleich hochwertigsten Artikel ist ein Sport, der sehr zur Freude der Zeit Stunden füllt. Das, wonach wir fiebrig jagen, ist häufig nicht das, was wir dringend brauchen, was aber, ökonomisch betrachtet, als Wert den Wirtschaftsprozess am Laufen hält, bestenfalls sogar ‚Wachstum‘ verheißt.[1] Der Genuss, der sich mit dieser Art von Zeitfüllung verbindet, ist erheblich. Stelle dir nur die Regale eines Supermarktes vor, in denen die ganze, buchstäblich die ganze Palette der am Markt erhältlichen Müslis aufgebaut ist: du brauchst Zeit, die Zeit braucht dich, damit du nach langem Abwägen und Vergleichen, Betasten und Besehen dann schließlich einen beherzten Griff nach einer Tüte tun kannst.

Vieles dessen, was die Zeit täglich füllt, gehe ich mit der Maxime an „schneller, billiger, besser“, und dabei lacht sich die Zeit ins Fäustchen, weil sie meinen Selbstbetrug ahnt, keine Stunde scheut, mich abzuhalten von der einzig entscheidenden Frage, ob ich diese Entmündigung tatsächlich will.

 

 

10.November 2011. Kurze Theologie der Bewegung - Lebensarbeit ist wesentlich Bewegung, im buchstäblichen Sinne Bewegung des eigenen Körpers. Moshé Feldenkrais bietet dazu eine mögliche Form des Trainings.[2] Indem Bewegung sich mit Bewusstheit verbindet, setzt sie schöpferische Kräfte frei, das Gegenteil einer bewusstlosen Hektik. Gestaltende, klärende Bewegung verbindet, besser gesagt: tendiert dazu, mentale und leiblich-körperliche Prozesse zu wirkungsvoller Einheit zusammenzubringen. Die Gedanken werden beflügelt, angetrieben durch Bewegung der Glieder, und der Gedanke treibt die Glieder zur Tat. In diesem Wechselspiel ereignet sich eine Art Bewegung, die Gestaltungskraft gewinnen kann, mehr noch: hier geht der sich bewegende Mensch aus sich heraus, macht transzendierende Schritte.

Regelmäßiges Laufen, Radeln, Schwimmen, Gehen hat einen liturgischen Charakter, ist nicht eine zielorientierte Bewegung, sondern eine in sich selbst wertvolle Handlung. Zum Beispiel die Liturgie im Hallenbad: schwimmend arbeiten, zu sich kommen, sich fühlen, sich denken; die Rhythmisierung der Bewegungen; das tragende Wasser; in der milden Erschöpfung eins mit sich…

So wird auch der Hang zur acedia (lat., frei übersetzt ‚Trägheit des Herzens‘, verbunden mit traurigen und melancholischen Gemütszuständen, oft auch einem Gefühl des Überdrusses) bekämpft. Dante spricht in seiner Göttlichen Komödie (Inferno, 7. Gesang) von der acedia als von der Schlaffheit des Geistes und den Unlustnebeln, die den Menschen lähmen, bewegungslos machen. Bewegung – eine asketische Übung nicht des Verzichts, sondern des Lebensgewinns - von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Fünf motorische Fähigkeiten sind in der Bewegung zu unterscheiden: 1. Ausdauer, 2. Kraft, 3. Flexibilität, 4. Schnelligkeit, 5. Koordination (bezogen auf Rhythmusfähigkeit, Orientierungsfähigkeit, Differenzierungsfähigkeit, Reaktionsfähigkeit, Gleichgewichts-fähigkeit).[3] Ein vollständiger Katechismus der Lebensarbeit ist mit diesen Fähigkeiten bezeichnet.

 

 


[1] „Unnützes von Wert. Wachstum entsteht vor allem durch Dinge, die keiner dringend braucht“, so schrieb Dagmar Deckstein im Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung vom 28.Dezember 2010, S. 17. Und weiter: „Mussten die Menschen im frühen 20.Jahrhundert noch vier Fünftel ihrer Einkommen für den täglichen, notwendigen Bedarf aufwenden, so sind es heute nur noch 30 Prozent. Der Rest darf dann gerne in große und kleine Anschaffungen zweifelhaften Gebrauchswerts wandern. Beispiele gibt es viele, den Wunsch nach gesellschaftlichem Status etwa, nach symbolischer Überbietung, nach ethisch korrekter Kaufentscheidung für fair gehandelte Produkte oder nach imaginierter Reichtumsteilhabe durch den Erwerb von Lotterielosen, bei denen der Käufer statistisch und rational betrachtet nur Geld verliert.“

[2] Moshé Feldenkrais, Bewusstheit durch Bewegung. Der aufrechte Gang (zuerst Tel Aviv 1967). Frankfurt am Main 1996.

[3] Insgesamt vgl. Rainer Stach (Hrsg.), Psychologie des Laufens. Frankfurt am Main 1994. Silke Schellhammer, Bewegungslehre. Motorisches Lernen aus Sicht der Physiotherapie. München, Jena 2002.

 

15. November 2014  

Was bleibt vom Christentum abzüglich Säkularisierung, neuheidnischer Esoterik, Wohlstandstheologie, dünner ethischer Suppe und wohlfeiler Sozialethik? Geht’s um alles oder nichts? Ist es nur noch Begeisterung aus Gewohnheit, Angst vor endgültigem, längst überfälligem Traditionsabbruch, noch einmal heimliches Wohlgefühl vor abendlich erleuchteten Kirchenfenstern? Diese zwei Empfindungen liegen eng beieinander: die Auswanderung hat stattgefunden, erloschene Feuersäule und traurige, frösteln machende Erinnerung, daneben eine ganz und gar verrückte, widersinnige, wahnsinnige Gewissheit, dass etwas sein wird, kommen wird. Wege zurück sind wie der Versuch, auf dem Kometen Tschuri eine mächtige Kathedrale, kunstvoll ziselierte Dogmatik zu finden. Der Pfad in die Zukunft muss erst noch geebnet werden.

 

7. November 2014

 

Die ethische Achse verschiebt sich, erleidet allenthalben Unwuchten. Ein kompromissloser Pazifismus nimmt den schrecklichen Verlauf des Weltgeschehens mit der freiheitszerstörenden Gewalt terroristischer Horden und ganzer Truppen nicht ernst. Welche Waffen sind notwendig, damit der Brutalität Einhalt geboten wird? Wer stellt diese Waffen her und macht damit Geschäfte, wer nimmt sie in die Hand, drückt auf den Knopf? Überall schmutzige Hände, nirgends eine schuldfreie Nische.

 

 

5. September 2016

 

Gast nur

andauernder Zwischenhalt

warme Sonne

für einen neuen Aufbruch.

 

Bleib stehen

Damit es ein Bild wird.

 

Seeberge im Hintergrund

dahinter gastliche Heimat

unerreichbar.

 

Finde dich ab

mit der ewigen Wellenbewegung

glitzernder Strömung

gehe hinüber

als Gast nur.